27. Februar 2011

Pressemitteilungen finden sich heute nicht selten in völlig unredigierten oder nur sehr oberflächlich redigierten Fassungen auf redaktionellen Seiten. In der Tendenz beschädigt diese Unsitte die Glaubwürdigkeit des Journalismus insgesamt.
Der Londoner Media Standards Trust, eine Stiftung zur Förderung der professionellen Standards in britischen Nachrichtenmedien, hat deshalb einen Webservice namens Churnalism.com gestartet: Auf Churnalism.com lässt sich per sogenannter Churn Engine in Sekunden überprüfen, ob ein redaktioneller Artikel letztlich nur eine ungefiltert abgedruckte Pressemitteilung ist oder doch das Ergebnis sauberer journalistischer Arbeit. Sie kopieren dazu einfach den Artikel oder einen Artikel-Auszug in ein Eingabe-Fenster und klicken auf “Compare with articles”. Leider funktioniert der Dienst nur für englischsprachige Tageszeitungen und für BBC News, ist aber eine unbedingt zur Nachahmung empfohlene, erstklassige Idee.
Der Begriff “Churnalism” stammt ursprünglich aus der Feder des BBC-Reporters Waseem Zakir, zumindest findet sich sein Name bei Wikipedia als Urheber. Weiter verbreitet wurde der Begriff in einer als Buch veröffentlichten Medienkritik mit dem Titel Flat Earth News von Nick Davies, ebenfalls ein britischer Journalist. Beide bezeichnen damit redaktionelle Artikel, die in Wirklichkeit Pressemitteilungen sind, aber als redaktionelle Artikel präsentiert werden.
Weiterführende Links:
Beispiele für Churnalism.com-Tests
27. Februar 2011
Die BILD-Zeitung ist immer noch Europas größte Tageszeitung, auch wenn die Tendenz für die verkaufte Auflage seit Jahren in den Keller zeigt. Chefredakteur Kai Diekmann sieht sein Blatt dennoch als deutsches Leitmedium. Fakt ist: Was auf der BILD-Titelseite als Aufmacher erscheint, kann Karrieren befördern oder beenden. Viele Politiker und andere Personen des öffentlichen Lebens fürchten die Macht negativer BILD-Schlagzeilen. Freunde der Redaktion wähnen sich dagegen medial auf der Sonnenseite. Angestoßen durch die Guttenberg-Plagiatsaffäre hat der Spiegel eine Titelgeschichte über die persönlichen Verbandelungen zwischen Springer-Verantwortlichen und Politik veröffentlicht (“BILD – Die Brandstifter”). Das ist schon deshalb bemerkenswert, weil Georg Mascolo als neuer alleiniger Spiegel-Chefredakteur offensichtlich eine andere Linie gegenüber dem Springer-Blatt fährt als sein in dieser Hinsicht weniger konfrontativer Vorgänger Stefan Aust.

Weiterführende Links:
Themenseite über die BILD-Zeitung auf Spiegel Online
27. Februar 2011
Variation 5: BOULD-Zeitung
GUTTENBERG BRUTAL ÜBERFALLEN!!!
Wie lange kann er das noch aushalten? Wie viel Missgunst kann er noch wegstecken? Doktortitel aberkannt, von der Opposition beschimpft, selbst Parteifreunde halten nicht mehr zu ihm. Und jetzt auch noch das: KT wird im Bus überfallen – am hellichten Tag!!! Das ist passiert: Gestern Vormittag, 11.35 Uhr. Zu Guttenberg steigt am Berliner Hauptbahnhof in den Bus der Linie S (Richtung Reichstagsgebäude). Der Bus ist voll, KT muss im Gang stehen. Eine alte Frau erkennt ihn, bietet dem Minister ihren Platz an, KT lehnt dankend ab. Dann das Unfassbare: Plötzlich zieht sich ein Mann eine schwarze Maske über den Kopf (südländisches Aussehen, schwarzer Vollbart, gebrochenes Deutsch). Er versucht brutal, dem Minister die Aktentasche zu entreißen. Guttenberg ist Bundeswehroffizier der Reserve, kann ihn zuerst abwehren. Dann reißt ihm der Angreifer die Knöpfe vom Jackett – wertvollste Familienerbstücke!! 112 Jahre alt, pures Gold! Der Maskierte flieht.
Zwei Stunden später im Bundestag. Guttenberg ist der Redner. Jackett und Hemd (Prada) sitzen perfekt. Es fehlt nur ein Knopf. Tapfer gesteht er: Ja, ich habe in meiner Doktorarbeit Fehler gemacht. Deutschland fragt sich: Wie hält er das alles nur aus? BOULD meint: Wir sind KT! DAS ist GUTT für Deutschland!
Und was soll dieser Text? Dieser Text ist eine Stilübung nach dem Muster von Raymond Queneau. Mehr darüber erfahren Sie auf der Einführungsseite: Schreibübung zum Mitmachen: Die Text-Umkleidekabine
26. Februar 2011
Variation 4: Denglisch
Buslinie S, es ist Rushhour. Da steht ein Typ, vermutlich ein Twen, stylishes Base Cap auf dem Kopf. Sein Body wirkt irgendwie unförmig, der Hals ist eigenartig gestretched. Die Crowd steigt aus. Der Typ pumpt seine aggressiven Vibrations in den Raum, pampt seinen Nachbarn an. Die Message: Rempel mich nicht an, sonst gibt es hier gleich Trouble. Seine Stimme soll cool klingen, hat aber eher den Sound eines soften Baby-Stimmchens. Als er einen leeren Platz sieht, tankt er sich hin.
Zwei Stunden später kreuzt der Typ an einer anderen Location auf, Cour de Rome, vor der Gare Saint-Lazare. Im Hintergrund ein Werbeplakat von Jil Sander. Darauf steht der Slogan: “Das Leben ist eine Giving-Story.” Der Typ gibt immer noch den Coolen. Da ist jetzt auch noch ein anderer Typ. Der sagt zu ihm: “Da fehlt ein Button an Deinem Pullover.” Er zeigt ihm wo (am Button-Down-Kragen).
Und was soll dieser Text? Dieser Text ist eine Stilübung nach dem Muster von Raymond Queneau. Mehr darüber erfahren Sie auf der Einführungsseite: Schreibübung zum Mitmachen: Die Text-Umkleidekabine
26. Februar 2011
Variation 3: Cliffhanger
Im Autobus der Linie S zur Hauptverkehrszeit. Ein junger Kerl quetscht sich in den Mittelgang, vielleicht 26 Jahre alt, weicher Hut, etwas langer Hals. Leute steigen aus. Der junge Mann ist trotzdem auf Krawall gebürstet, schnauzt seinen Nachbarn an: Der solle aufhören, ihn ständig anzurempeln. Der Nachbar sieht aus wie ein Ringer aus dem Fernsehen: Stiernacken, rasierter Schädel – ein komplett tätowiertes Muskelpaket. Jetzt wird direkt neben den beiden ein Platz frei. Beide wollen sich setzen – Mist, mir ist der Blick versperrt.
Zwei Stunden später sehe ich den jungen Mann wieder, er steht an der Cour de Rome, vor der Gare Saint-Lazare. Er sieht etwas zersaust aus. Neben ihm steht ein anderer Mann und sagt zu ihm: “Da fehlt ein Knopf an Deinem Überzieher, scheint abgerissen zu sein, da hängen noch die Fäden.“ Er zeigt ihm wo (am Ausschnitt).
Und was soll dieser Text? Dieser Text ist eine Stilübung nach dem Muster von Raymond Queneau. Mehr darüber erfahren Sie auf der Einführungsseite: Schreibübung zum Mitmachen: Die Text-Umkleidekabine