Hier irrte Jakob Nielsen: Die Printmedien, die lange Form und das Netz
20. Februar 2011
Seit Usability-Guru Jakob Nielsen sich 1997 in seiner Alertbox-Kolumne dazu eingelassen hat, gilt es als unumstößliches Grundgesetz allen Internet-Publizierens: Das Web ist ein Kurztextmedium. Und damit ein Ort des Seichten, des Kurzlebigen, des Boulevardesken.
Genau genommen hat Nielsen damals aber nur formuliert: “Im Web wird nicht gelesen, sondern gescannt.” Texte würden also nur noch rasch überflogen und sollten deshalb “immer auf die Hälfte gekürzt werden”. Was nach dem Überfliegen der Seiten passiert, darüber sagte der inoffizielle Klickoptimierungsweltmeister aller Klassen damals tatsächlich nichts.
Viele Medienschaffende schlossen trotzdem daraus, dass die lange Form und das Netz schlicht nicht zueinander passen. Fürs Lesen längerer Texte brauche es nun einmal Zeit, im alltäglichen Klick-and-Run-Gehechel durchs WWW seien die Zeitfenster für ausgeruhte Leseerlebnisse zu knapp bemessen. Vermutlich stimmt diese Einschätzung zum Großteil sogar, denn in der Hauptsache ist Weblesen primär sicher ein Konsultationslesen, ein “Ich hab da eine Frage und brauche schnell die Antwort”-Lesen. Zumindest deuten die Verweilzeiten-Benchmarks aus gängigen Website-Analysen in diese Richtung: Eine Verweilzeit von 45 Sekunden auf einer Artikelseite gilt bereits als gutes Ergebnis.
Nur: Ist das in der täglichen Printmedien-Lektüre wirklich anders? Wer liest denn morgens beim Kaffee tatsächlich die langen Stücke, die Reportagen und Features auf den Seiten 3 oder die Analysen und Essays in den Feuilletons? Vermutlich sind es die Wenigsten.
Genauere Auskunft darüber könnten beispielsweise die Readerscan-Untersuchungsergebnisse der Zeitungsverlage geben, doch die bleiben in den allermeisten Fällen unter Verschluss. Selbst wenn darin ans Tageslicht träte, dass die langen Formen nicht so häufig gelesen werden wie etwa die Meldungsspalten: Wäre das ein Grund auf sie zu verzichten? Wohl kaum. Schließlich sind es gerade diese Stoffe, mit denen die Zeitungsmacher ihren Blättern ein eigenständiges Profil geben und nicht nur der Chronistenpflicht folgen.
Und im Web? Dort liegen die Dinge vermutlich auch nicht anders, nur dass das Echtzeit-Controlling per Visit- und PI-Analysetools vermeintlich handfeste Gründe gegen die langen Formen liefert. Selbst in Echtzeit durchgeführte A/B-Tests für klickoptimierte Teaser-Überschriften sind heute technisch machbar. Wie toll. Wie arm. Auf die lange Form im Web zu verzichten, nimmt den Websites die Tiefe und lässt sie als Reste-Halden fürs Banale erscheinen. Natürlich ist es plausibel, anzunehmen, dass werktäglich zur Hauptarbeitszeit zwischen 9 und 17 Uhr eher wenig Zeit fürs Lesen längerer Texte ist.
Abends sieht das aber durchaus anders aus, wie beispielswiese die Nutzungsdaten für Tabletrechner zeigen. Da ist es nur logisch, wenn die Website-Redaktionen sich stärker auf die Tagesabläufe ihrer Zielgruppen einstellen und zeitgezielter publizieren. Auf Neudeutsch unter dem Begriff Dayparting etikettiert, ist das ein auch schon länger bekanntes Konzept. Umgesetzt wird es in den Online-Redaktionen deutscher Tageszeitungen eher selten.
Longform zwitschert Links zu Langtexten
Für die Online-Leser bleibt zwischenzeitlich nur, sich anderswo zu versorgen: Wer der englischen Sprache mächtig ist, kann sich beispielsweise an der noch jungen Website Longform.org erfreuen (gestartet im April 2010). Die Betreiber sichten täglich die besten Langgeschichten vornehmlich von US-Websites und twittern die Links zu ihren Artikel-Fundstücken an eine schnell wachsende Gemeinde angeschlossener Follower. (Dort bin ich beispielsweise auch auf ein bislang unveröffentlichtes, 20 Seiten langes Interview mit Hunter S. Thompson gestossen.) Für Freunde deutschsprachiger Artikel gibt es auch eine Empfehlung: Die Reporterinnen und Reporter der angesehenen Journalisten-Agentur Zeitenspiegel unterbreiten ihre aktuellen Reportage-Stücke in einer PDF-Sammlung.
Und wer ein iPad hat, kann sich die schönen langen Web-Texte fürs spätere Komplett-Lesen heutzutage mit einer App wie Instapaper – per Read it later!-Klick – auf seinen Tablet-Rechner ziehen und dann nach Feierabend ausgiebig der intensiven Lektüre frönen. Vielleicht wird damit auch dem letzten Skeptiker klar: Das Web ist mehr als ein Kurztextmedium.









