Experten-Anhörung im Bundestag:
Zur Zukunft des Qualitätsjournalismus
23. Februar 2011 Ist das Internet die Ursache für die Krise der Tageszeitungen? – das war die zentrale Frage einer Sachverständigen-Anhörung im Bundestag am 23. Februar 2011. In der Gesprächsrunde zum Thema “Zukunft des Qualitätsjournalismus” stellten sich Katharina Borchert (Geschäftsführerin Spiegel Online), die Journalistin Ulrike Kaiser (DJV), die Journalisten Matthias Spielkamp (freier Journalist), Hans Leyendecker (Süddeutsche Zeitung), Wolfgang Blau (Zeit Online), der Publizist Wolfgang Storz und Prof. Volker Lilienthal von der Universität Hamburg den Fragen von Parlamentariern aus den Bundestagsfraktionen.
“Die geladenen Experten vermieden es”, so fasst es die Bundestagspressestelle zusammen, “die bestehenden Probleme des Qualitätsjournalismus alleine mit dem Aufstieg der Online-Medien zu begründen.” Ohne diese diplomatische Zurückhaltung formuliert, lautete der Tenor eher so: Das Web multipliziert die Werbeflächen und verdirbt den Zeitungen damit die Kontaktpreise, das Web hat den Tageszeitungen auf der Anzeigenseite deutliche Umsatzverluste zugefügt, ist aber als Trägermedium für journalistische Berichterstattung nicht minder geeignet als Papier. Und: Die Tageszeitungsverlage sollten sich endlich dem vom Internet initiierten Medienwandel stellen und zwar offensiv und nicht strukturkonservativ, schon gar nicht etwa durch ein Verlangen nach einem Leistungsschutzrecht.
Hier einige ausgewählte Statements der eingeladenen Expertinnen und Experten (die Ausführungen von Matthias Spielkamp und von Prof. Lilienthal wurden leider nicht verschriftlicht):
“Google ist nicht schuld am Niedergang”
Wolfgang Blau, Chefredakteur von Zeit online, legte in diesem Zusammenhang Wert darauf, mit einigen “Mythen“ aufzuräumen. “Google ist nicht schuld am Niedergang der Tageszeitung. Auch ohne Google würde es den Printmedien schlecht gehen“, betonte Blau und hob den Zugewinn durch die Blogs für die Leser hervor. Diese stellten keineswegs eine Gefahr für den etablierten Journalismus dar, sondern seien eine wertvolle Bereicherung. “Was wir derzeit erleben, ist die Geburt einer neuen Form des Journalismus“, sagte Blau.
Katharina Borchert, Geschäftsführerin von Spiegel online, warnte ebenfalls davor, die Debatte über Qualitätsjournalismus allein auf das Trägermedium zu verengen. “Print bringt keinen inhärenten Qualitätsvorteil mit sich“, betonte sie. Viel wichtiger sei es jedoch zu thematisieren, dass aufgrund der medialen Veränderungen auch das Berufsbild des Journalisten eine gravierende Wandlung durchäuft. Dieser Veränderungen müsse durch eine Anpassung der Ausbildung Rechnung getragen werden. “Eine breitere Medienkompetenz sowie eine allgemein höhere Belastbarkeit sind hier besonders zu erwähnen“, sagte sie.
“Die journalistische Glaubwürdigkeit nimmt ab”
Ulrike Kaiser, stellvertretende Vorsitzende des Deutschen Journalisten-Verbands und Mitglied der Initiative “Qualität im Journalismus” betonte, die drastischen Einsparungen in den Redaktionen führten zu den erschwerten Rahmenbedingungen für Journalisten. Ethische, rechtliche und handwerkliche Standards seien hierdurch schwieriger umzusetzen. Eine weitere Folge sei die zunehmende Vermischung zwischen Public Relations, Werbung und Redaktion. “Die journalistische Glaubwürdigkeit nimmt ab“, warnte sie und betonte, der Beruf des Journalisten soll der Allgemeinheit dienen. “Wir müssen uns aber fragen, was uns der professionelle Journalismus wert ist“, mahnte Kaiser.
“Früher haben die Verleger ihre Zeitung geliebt”
Hans Leyendecker von der Süddeutschen Zeitung hob die rasanten Umwälzungen hervor, die sich im Medienbereich vollzogen hätten. Das Fortbestehen des Qualitätsjournalismus hänge im Wesentlichen davon ab, “ob es uns Journalisten gelingt, originär zu bleiben, Fakten einzuordnen und gute Reportagen zu erstellen.“ Dies sei kein Widerspruch zum Internet.
Angesichts der schwierigen Bedingungen vieler Kollegen könne man sie aber nicht einfach auffordern, investigativer zu arbeiten. Ein entscheidender Faktor für die Entwicklung der journalistischen Arbeitsbedingungen sieht Leyendecker in der Leitungsebene der Verlagshäuser. “Früher haben die Verleger ihre Zeitung geliebt. Heute sind dies oft nur Flanellmännchen, die allein auf die Zahlen schauen.“
“Eine Medienkrise, die viele Journalisten zermürbt”
Der Publizist Dr. Wolfgang Storz erklärte das bisherige Geschäftsmodell für tot. “Die Finanzierung durch ein Drittel Abo und zwei Drittel Anzeigen kann man heute vergessen“, sagte Storz und lenkte die Diskussion auf die oft beklagenswerten Arbeitsbedingungen seiner Kollegen. “Diese Medienkrise ist gekennzeichnet durch eine Permanenz, die viele Journalisten zermürbt“, sagte Storz. In ihrer wirtschaftlichen Not wanderten viele zwischen Public Relations, Boulevard- und klassischem Journalismus. Dies mache den Erhalt von Qualitätsjournalismus schwer.
Die Anhörung ist der Auftakt für eine Reihe weiterer Veranstaltungen zum Thema Zukunft des Journalismus, darin gehe es “etwa um Ausbildung im Journalismus, Verbände, soziale Lage von Journalisten sowie Pressefreiheit in Europa.”
Der Videoplayer zeigt den Mitschnitt der Experten-Anhörung aus der Bundestagsmediathek (Länge: 112 min)
Weiterführende Links:
Presseinformation des Deutschen Bundestags










