Storytelling im Web (Teil 2):
Onlinejournalistische Textformen

14. Februar 2011


Im ersten Teil der Serie zum Storytelling im Web bin ich auf generelle Hypertext-Baumuster eingegangen, die in der Hypertextforschung schon vor über zehn Jahren beschrieben wurden.

In diesem zweiten Teil will ich der Frage nachgehen, wo sich diese Linknetz-Muster im Onlinejournalismus heute wiederfinden und für welche Erzählzwecke sie regelmäßig genutzt werden. Der Begriff „Linknetz-Muster“ meint dabei eine erkennbare typische Verlinkungskonstellation; ein einfaches Beispiel für ein solches Linknetz-Muster ist etwa die sequentielle Vor-Zurück-Navigation in linearen Hypertexten (zu erkennen beispielsweise an relativen Seitenzahlangaben wie „Seite 1 von 18“). Dort, wo es solche klar erkennbaren Linknetz-Muster in originär onlinejournalistischen Formen gibt, sollen sie in Beispiel-Screenshots festgehalten und zudem als grafische Strukturmuster visualisiert werden.

Angeboten werden diese Gedanken aus einem einfachen, praktischen Grund: Der Online-Journalismus wird in Journalistenkreisen vielfach als Gegenentwurf zu einem wie auch immer gearteten Qualitätsjournalismus gesehen. Diese Wahrnehmung hat auch damit zu tun, dass es in den allermeisten Online-Redaktionen bis heute kaum Ressourcen für eigene Geschichten gibt und die Contentmanagementsysteme allen Erzählstoff in die immer gleichen, vorgegebenen Muster pressen. Das gängige Verfahren ist meist: Schnell rein in die Site mit der Agenturmeldung oder mit dem fürs Blatt geschriebenen Artikel, dann die Bilderstrecke und/oder ein Video dazu, die weiterführenden Links unten dran, fertig. Im Vergleich zum Fernseh-, Radio- oder Printjournalismus ist das Darstellungspektrum stark eingeschränkt. Für erzählerisch Eigenes, für webjournalistische Innovation oder gar für einen wahrnehmbaren onlineredaktionellen Kammerton bleibt kaum Raum.

Um diese Situation zu verbessern, braucht es m.E. vor allem flexibler angelegte Erzählmöglichkeiten in den redaktionellen Contentmanagement-Systemen (CMS) und die sind ganz wesentlich gebunden an erzählorientierte, standardisierte Navigationen. Webtechnik und Journalismus müssen viel stärker ineinandergreifen, um das erzählerische Potenzial des WWW als Medium eigener Art zu entfalten.

Die hier vorgestellten Linknetz-Muster können eine solche Lösung anbieten und als standardisierte Navigationen im CMS angelegt werden. Auf diese Weise werden den Online-Redakteurinnen und -Redakteuren zeitschonend zusätzliche Erzählmöglichkeiten an die Hand gegeben. Das Gute daran ist: Diese Muster sind in jedem Einzelfall auf vielen Websites bereits erprobt und können in ihrer Gesamtheit als ein erstes Relevant Set der onlinetypischen Erzählmöglichkeiten gelten. Für die redaktionelle Arbeit haben sie nur Vorteile: Erst einmal in ein CMS implementiert, eröffnen sie selbst unter hohem Zeitdruck nutzbare dramaturgische Freiheitsgrade. Die Informationsarchitektur der betreffenden Website bleibt dabei trotzdem konsistent – und in der Kombination der unterschiedlichen Linknetze entstehen vielfältigere Möglichkeiten, eine Geschichte zu erzählen. Der Onlinejournalismus insgesamt könnte sich damit deutlich facettenreicher darstellen. Um die Linknetz-Muster identifizieren können werden zunächst heute gebräuchliche onlinejournalistische Erzählformen systematisiert, anschließend werden die ihnen inneliegenden Navigationsstrukturen herausgearbeitet.

Ausgangspunkt: Journalistische Online-Erzählformen
In der Erstauflage von Texten fürs Web (2002) hatte ich bereits einen ersten Versuch unternommen, die zur damaligen Zeit erkennbaren Ansätze für originär onlinejournalistische Textformen zu identifizieren und das Formenspektrum zu ordnen. In der Praxis regelmäßig zu beobachten waren damals das Hypermedia Patchwork, das Themenpaket, die Slideshow (mit ihrer Subform Audio-Slideshow), die Multiperspektiven-Geschichte, die immersiven 3D-Media-Formen, das Online-Feature, die Grafimation und das Webspecial.

Wenn Sie sich unter diesen Begriffen heute wenig Konkretes vorstellen können, ist das wenig verwunderlich und ein deutliches Zeichen dafür, dass die onlinejournalistische Formen-Evolution immer noch in den Kinderschuhen steckt. Eine einheitliche, für Praxis und Fachwelt gleichermaßen konsensfähige Nomenklatur der journalistischen Online-Darstellungsmuster wird ihre Zeit brauchen und sich – nicht anders als im Printjournalismus – erst nach und nach herauskristallisieren.

Immerhin: Die Bezeichnungen für die beschriebenen Muster müssen sich zwar erst noch finden, die mit den Bezeichnungen bezeichneten Muster aber erscheinen bis heute ziemlich stabil. Was die acht, damals skizzierten Darstellungsmuster anbelangt, sind sieben davon im Online-Journalismus (teils auch darüber hinaus) verlässlich auf redaktionellen Websites in Gebrauch und gehören vielfach zum festen Präsentationsset:

• der multimedial ergänzte Print-Artikel (Hypermedia-Patchwork, auch Printplus genannt),
• die kontinuierlich aktualisierte, monothematische Textsammlung (Themenpaket),
• die linear arrangierte Fotostrecke (Slideshow, ebenso die Subform Audio-Slideshow),
• die pointillistisch in Vielfach-Porträts oder in Vielfach-O-Tönen erzählte monothematische Geschichte (Multiperspektiven-Story),
• die visuell immersiven Formate wie 360-Grad-Panoramen oder 3D-Videos (3D-Media),
• die Grafimation (interaktive Grafik) und
• die multimedial hoch integriert erzählte monothematische Geschichte (Webspecial, auch Webdocumentary genannt).

Allein das Online-Feature als Hybridmuster aus Printreportage und Datenbankkomponenten ist eher Experiment geblieben und weitestgehend von der Bildfläche verschwunden, vermutlich weil das Artikellesen und das in einen Text integrierte Zugreifen auf Datenbanken zu unterschiedliche Vorgänge sind und in der Rezeption nicht wirklich harmonieren. Wenn es die Intention der frühen Experimente war, statistische Daten enger in interaktive Erzählmuster einzubinden, dann scheinen die sogenannten Mashups als narrative, interaktive Datenvisualisierungen diese Linie evolutionär fortzuschreiben. Jedenfalls wird es hier nicht weiter betrachtet.

In den weiteren Teilkapiteln wird analysiert, ob und wo es in den genannten onlinejournalistischen Formen klar erkennbare typisierbare Linknetz-Muster gibt – und wie sie strukturiert sind. Um das Kapitel übersichtlich zu halten und verträgliche Textlängen anzubieten, ist es in die folgenden weiteren Teile portioniert:

2.1 Hypermedia Patchwork (HMP)
2.2 Themenpaket
2.3 Slideshow
2.4 Multiperspektiven-Geschichte
2.5 Interaktive Grafik
2.6 Webspecial

Weiterführende Links:

Storytelling im Web (Teil 1): Erzählen mit Hyperlinks

publiziert in Online-Textformen
  • http://www.texten-fuers-web.de/2011/07/die-tfw-sommerlinks-die-top-11-artikel-auf-texten-furs-web-im-ersten-halbjahr/ Texten fürs Web » Blog Archive » Die TfW-Sommerlinks: Die Top 11-Artikel auf Texten fürs Web im ersten Halbjahr

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