Storytelling im Web (Teil 1):
Erzählen mit Hyperlinks
9. Februar 2011 
Hyperlinks sind die Aufmerksamkeitswährung des Internet. Je mehr Links eine Site erhält, desto größer ist ihre Chance auf Besucher. Das ist bekannt. Links sind jedoch mehr als nur die Pfade, Brücken und Straßen des Cyberspace. Sie sind auch erzählerisches Mittel. Je nachdem, wie die Verlinkungen in und zwischen einzelnen Dokumenten eines abgegrenzten Textraums gesetzt werden, ergeben sich je unterschiedliche Linknetz-Formen.
Würde man diese unsichtbaren Linknetze visualisieren, dann wären sie als je unterschiedliche Hypertext-Strickmuster zu erkennen und sie ließen sich zu Typ-Gruppen klassifizieren. Planlos gesetzte Links würden sich beispielsweise entlarven als chaotische, ungeordnete Muster, chronologisch gesetzte Links als strenge Linie, Linknetze für Pro-/Contra-Themen als Zickzack-Form etc.
In der Hypertext-Forschung hat es schon vor mehr als zehn Jahren Ansätze gegeben, diese dramaturgischen Muster auch grafisch zu beschreiben. Mark Bernstein etwa, Chef-Entwickler im Hypertext-Verlagshaus Eastgate Systems Inc. (Watertown/Massachusetts), identifizierte bereits im Jahr 1998 einige typische Linknetz-Erzählstrukturen (in der Anthologie Proceedings of Hypertext). In seinem Aufsatz beschreibt er zehn dramaturgische Muster: Cycle (kreisfömig), Counterpoint (kontrapunktisch abwechselnd), Mirror (spiegelnd), Tangle (chaotisch), Sieve (filternd, sortierend), Montage (kombinierend), Neighborhood (thematisch zugehörig), Missing Link (gezielt fehlend), Split/Join (trennend und wieder zusammenführend) und Navigational Feint (gezielt irreleitend). Sie sind angelehnt an die klassischen Bauformen literarischen Erzählens, gelten aber auch in angrenzenden Bereichen. Bernstein: “Aus meiner Sicht sind die Muster nicht nur für fiktive Stoffe nützlich.”
Für den Online-Journalismus kann dem nur zugestimmt werden, denn mit ihnen lassen sich die inneren Logiken virtueller Texträume begreifen (auch so profane Muster wie Bilderstrecken) und natürlich auch Texträume entwerfen oder planen. Sieben der gelisteten Hypertext-Linkmuster hat Bernstein in grafische Strukturbilder übersetzt:
Cycle/Kreis
Das Konzept: In der Cycle-Bauform kehrt der Leser zurück an einen bereits vorher erreichten (Knoten-)Punkt, schlägt dort möglicherweise eine neue Richtung ein und folgt einem neuen Pfad. Kreisstrukturen schaffen ein erneutes Begegnen mit bereits Gelesenem. Das Zurückkehren betont dramaturgisch einen Kern-Aspekt, während andere Aspekte im Hintergrund bleiben. Die erneute Begegnung mit dem bereits gelesenen Abschnitt kann zudem die Bedeutung der Wörter verändern (obwohl sie die gleichen geblieben sind), weil die Wörter jetzt im Kontext des zwischenzeitlich Gelesenen stehen. Typische Beispiele für kreisförmige Linkstrukturen sind Bilderstrecken (als Mikro-Muster) oder Themen-Webringe (als Makro-Muster).
Counterpoint/Kontrapunkt
Das Konzept: Zwei Stimmen äußern sich in Rede und Gegenrede abwechselnd zu einem Thema, formen damit letztlich ein ineinander verschränktes Ganzes. Die kontrapunktische Dramaturgie vermittelt dabei eine klare Ordnung, sie ist gewissermaßen eine Resonanz aus Ruf und Antwort, wie sie sonst etwa in Liturgien zu finden ist oder auch im täglichen Small Talk. Klassische Kontrapunkt-Muster im Journalismus sind das Interview und auch der Leitartikel.
Mirror/Spiegel
Das Konzept: Um einen Text kohärent zu entwickeln, halten Text- wie Hypertext-Autoren zweckmäßiger Weise an einem erzählerischen Ich oder zumindest an einer erkennbaren Perspektive fest. Spiegel-Dramaturgien erlauben es, einem Erzählstrang eine parallele oder intertextuelle Erzähl-Komponente hinzuzufügen, mit eigener Stimme oder kontrastierender Perspektive. Sie ist strukturell also kein Wechselspiel, sondern eine Parallelform. Das Spiegel-Muster greift darin ein zentrales Thema auf und erweitert oder vertieft es in einer Weise, die im Hauptstrang nicht unterzubringen ist.
Tangle/Wirrwarr
Das Konzept: In einem Tangle-Muster wird der Leser mit mehreren Link-Auswahlmöglichkeiten konfrontiert, die keine konkreten Hinweise geben auf das, was als Linkziel zu erwarten ist. Dieses Verheimlichen kann für das (intellektuelle) Amusement der Leser eingesetzt werden, erscheint aber auch in ernsthafteren Anwendungen. Insbesondere können sie dazu dienen, Leser gezielt zu desorientieren, um sie für Neues zu öffnen, für eine unerwartete Schlussfolgerung oder auch um bewusst das Gefühl der Desorientierung zu vermitteln. Zum Einstieg in einen Hypertext kann das Tangle-Muster den Nutzern unterschiedliche Zugänge eröffnen und ihnen einen Eindruck vom tatsächlichen Umfang des Hypertexts vermitteln. Typische Beispiele finden sich in Hypertext-Lernwelten für Kinder.
Sieve/Filter

Das Konzept: Sieve-Muster kanalisieren die Leser, führen sie in je unterschiedliche Richtungen, durch unterschiedliche Schichten eines Hypertexts zu bestimmten Sektionen oder Episoden. Sie verzweigen sich häufig wie Baumstrukturen, können aber auch als Multi-Baum-Struktu angelegt sein oder als quasi-hierarchische Ordnungen. Die unterschiedlichen Topologien dienen allerdings allesamt der gleichen rhetorischen Funktion: Sie reduzieren Komplexität. Sieve-Muster können Wenn-Dann-Entscheidungen vorstrukturieren, so dass sich ein Nutzer durch Klick-Entscheidungen an sein Ziel annähern kann und aus hierarchisch gleichrangigen Zonen (vorerst) die gerade relevante auswählt. Navigatorisch wird also von Stufe zu Stufe weiter ausgewählt, bis das Ziel erreicht ist. Klingt vielleicht kompliziert, ist es aber nicht: Typische Beispiele für dieses Vernetzungsmuster sind Webkataloge wie Yahoo.
Montage

Das Konzept: In einer Montage sind mehrere, für sich stehende Elemente gleichzeitig zu sehen, sie stützen sich in ihrer thematischen Aussage gegenseitig, behalten aber ihren Charakter als je eigene separate Komponenten bei. Montagen werden im Web meist erzeugt durch sich überlagernde Anwendungsfenster, die ein gemeinsames Ganzes schaffen. Dieses Ganze ist mehr als die Summe seiner Teile, denn es weist über die expliziten Grenzen und Rahmen der Einzel-Elemente hinaus. Montage ist im Web weit verbreitet. Popup-Fenster für Glossare oder auch die aus einer Basisseite herauslösbaren Videoplayer sind gängige Beispiele.
Split-Join/Trennung-Zusammenführung

Das Konzept: Das Split-Join-Muster verbindet zwei oder mehr Sequenzen. Split-Join ist unverzichtbar für interaktive Stoffe, in denen die Leser-Aktion den weiteren Verlauf verändert. Würde jede einzelne Leser-Entscheidung alles verändern können, was in der Folge geschieht, so würde dies für einen Autor den Rahmen des Möglichen sprengen; es kann also nicht darum gehen, den Lesern viele Richtungsentscheidungen anzubieten, sondern immer nur wenige, gezielt gesetzte. Die Aufspaltung der Erzähllinie ist also jeweils immer nur für einen begrenzten Teil angelegt und führt schließlich wieder zum Hauptstrang zurück.
Für die Muster Neighborhood, Missing Link und Navigational Feint liefert Bernstein keine grafischen Veranschaulichungen. Zwei weitere Muster (Tree und Sequence) hält er für so weit verbreitet, dass sie nicht eigens erklärt werden. Im zweiten Teil dieser Mini-Serie wird analysiert, wie die dargestellten Linkmuster in onlinejournalistischen Darstellungsformen eingesetzt werden. (sth)
Weiterführende Links:
Storytelling im Web (Teil 2): Onlinejournalistische Textformen









