Der Live-Ticker: So mauserte er sich zur Standard-Erzählform
19. März 2011Von webtypischen Erzählformen wird zwar viel geredet, wirklich sichtbar durchgesetzt hat sich bislang aber erst ein Erzählmuster: der Live-Ticker. Was vor einigen Jahren als eher buchstabenlastiges Text-in-Echtzeit-Protokoll begann, ist inzwischen zur hochtechnisierten Traffic-Maschine gereift. Kaum eine Online-Nachrichtenredaktion verzichtet(e) in der aktuellen Berichterstattung über die Japan-Katastrophe auf dieses Format:
Spiegel.de-Live-Ticker
Bild.de-Live-Ticker
Zeit.de-News-Blog
Faz.net-Live-Ticker
Süddeutsche.de-Live-Ticker
ZDF.heute.de-Live-Ticker
Tagesschau-Nachrichtenticker
Inzwischen ist das Genre selbst auch schon Gegenstand der Persiflage, wie etwa auf der Website des Titanic-Magazins (via Onlinejournalismus.de). Seinen Durchbruch zur etablierten Online-Erzählform schaffte der Live-Ticker vor fast zehn Jahren ausgerechnet ebenfalls mit einem Großereignis in Südostasien – der Fußball-Weltmeisterschaft 2002 in Südkorea und Japan.
Der folgende Artikel aus dem Jahr 2002, den ich damals für ein Fachmagazin verfasst habe, dokumentiert den Durchbruch der heute fast inflationär eingesetzten Live-Ticker zur Standard-Erzählform im Onlinejournalismus:
Live-Ticker zur Fußball-WM:
TOOOOR-Schrei in Versalien
Schon der Eröffnungstag bescherte gigantische Quoten: Als der Senegal zum Auftakt der Fußball-WM 2002 Titelverteidiger Frankreich in die Knie zwang, zählte die offizielle Website des Fußball-Weltverbands FIFA bereits satte 107 Millionen Seitenabrufe, fast genau so viele PageImpressions (PI) wie News-Marktführer Spiegel.de durchschnittlich im ganzen Monat generiert.
Auch hierzulande steigerten die Site-Betreiber ihre Klickraten teilweise dramatisch, denn mit jedem Anpfiff gab es auch an den Büro-Computern kein Halten mehr. Vor allem die Auftritte der deutschen Mannschaft entluden sich in den Server-Log-Files als wahre Klick-Gewitter in heftigstem PI-Geprassel: RP-Online etwa jubelte schon nach der ersten WM-Woche über stattliche fünf Millionen Ticker-PI (zum Vergleich: im gesamten Mai 2002 generierte RP-Online 14.539.463 PI), Bild.de verlautbarte zum Ende der Vorrunde einen Traffic-Sprung von fünf auf zehn Millionen (PI) pro Tag und Sport1 meldete zwei Tage vor dem Viertelfinale gegen die USA (19. Juni) das Überschreiten der 100-Millionen-PI-Grenze (im gesamten Mai 2002 waren es 43.209.722 PI).
Erklären lassen sich diese gewaltigen Quoten-Erfolge natürlich vor allem durch die Zugkraft des Ereignisses und durch die – für Website-Betreiber – optimalen, medialen Rahmenbedingungen: Sieben Stunden Zeitunterschied sorgten dafür, dass die Mannschaften statt zur besten Sendezeit zur fernsehproblematischen Arbeitszeit aufs Spielfeld geschickt wurden. Und obendrauf fand mehr als die Hälfte der 64 Partien für die breite Fan-Masse als Live-Bild nur im verschlüsselten Bezahlsender Premiere statt.
Um Spiele wie den Knaller zwischen England und Argentinien, die Viertelfinalschlacht zwischen Südkorea und Italien oder das deutsche Nerven-Drama gegen die USA trotzdem live erleben zu können, wichen viele Fans daher notgedrungen nicht nur in Media-Märkte oder aufs Radio aus, sondern strömten in Massen auch ins Internet. Vom verheißungsvollen 8:0-Auftakt-Kantersieg der DFB-Elf gegen Saudi-Arabien bis hin zum grandiosen Finale gegen Brasilien – per Live-Ticker konnte jeder mit dabei sein, auch ganz klammheimlich am Arbeitsplatz.
Allerdings: Live-Ticker war dabei noch lange nicht gleich Live-Ticker. So zahlreich sie für den PI-Fang zum Einsatz kamen, so unterschiedlich präsentierten sie sich in der Zugriffsschnelligkeit und der benutzten Technologie, in der Palette der angebotenen Funktionalitäten und im Sprachstil.
In Sachen Ladezeit beispielsweise stellte Heise Online schon während der WM ein halbes Dutzend der Text-Tapeten auf den Technik-Prüfstand, streng nach den Regeln des Keynote-Leistungsindex. Das Urteil der Sekundenfuchser fiel dabei überraschend positiv aus, denn immerhin vier der sieben getesteten Ticker (Bild, Bundesliga.de, DFB, Eurosport, kicker, Sport1.de und Yahoo) verkrafteten den unverhofften Durchmarsch der deutschen Kicker und die entsprechend dramatisch gesteigerten Zugriffszahlen anstandslos. Über den Messzeitraum zeigte sich Sport1.de mit 1,15 Sekunden am besten in Form, während Bild.de und Eurosport.de mit 40 Sekunden Ladezeit beim digitalen Laktat-Test durchfielen.
Mindestens ebenso interessant waren aber auch die Leistungsunterschiede im Redaktionellen. Gemeinsamer formaler Nenner aller Live-Ticker-Varianten war natürlich der minutensortierte, fortlaufende Text, doch in der Dimension “Schriftsprache” war’s das dann auch schon mit den Gemeinsamkeiten. Am deutlichsten wurde das in punkto Sprachfarbe: Bei RP-Online etwa wurden zwar keine multimedialen Gimmicks geboten, dafür aber ein Live-Kommentar mit echtem Verbal-Schmackes. So wurden die WM-Tore – ganz in der erprobten, RP-typischen Bundesligaticker-Manier – nicht einfach nur protokollarisch unterkühlt verbucht, sondern emotionsgeladen und gegen jede Chatiquette im Versalsatz auf die Bildschirme geschrien. WM-Fieber pur.
Auch die Tickerschreiber bei Sport1.de, denen man in Bundesliga- und Championsleague-Spielen zuweilen eine gewisse Gelangweiltheit anmerken kann, legten zur WM in Sachen Emotikonografie deutlich zu und griffen kräftig zu Rufzeichen und Fettsatz, Buchstabenwiederhooooolungen und auf die Umstelltaste.
Sprachemotional eher im Abseits standen dagegen verblüffenderweise die Ticker-Schreiber bei Bild.de, die sich von ihren Printredaktionskollegen in Sachen Sprachkraft sicher noch einiges abschauen könnten. Als beispielsweise das Golden-Goal der Koreaner gegen Italien fiel, war von einem grossbuchstabigen Torschrei im Bild-Livebericht weit und breit nichts zu lesen. Während bei RP Online die Sensation als fulminanter TOOOOOOOOOOOOOOR-Schrei über die Internet-Backbones lief, wurde bei Bild.de nur vergleichsweise trocken vermeldet: “Die Sensation ist perfekt. Gastgeber Südkorea schlägt den dreifachen Weltmeister Italien durch ein Golden Goal von Jung-Hwan Ahn.” Auch im deutschen Halbfinale gegen Südkorea machten die Tickertexter von Bild.de nicht gerade in Überschwang, zwar flimmerte immerhin ein bildtypisches Jaaaa! auf die Monitore – doch so richtig fan-ergriffen wirkte das nicht.
Ähnlich zurückhaltend tickerte auch die ARD und zeigte, vertreten durch die NDR-Online-Redaktion, eher hanseatisch temperiertes WM-Fieber. Als Michael Ballack im Halbfinale gegen Südkorea das zigtausendfach umjubelte 1:0-Siegtor schoss, hieß es im NDR-Ticker doch relativ lapidar: “Unglaublich, dieser Michael Ballack. Erst Gelb, jetzt der Matchwinner? 1:0 für Deutschland durch den Mittelfeldspieler. Jetzt ist das Finale zum Greifen nah.” Auch hier fehlte den Ticker-Textern offenkundig noch etwas die Übung im emotionalen Feintuning. Richtig dünn war’s dagegen bei Spiegel.de und beim ZDF, die beide zwar einen grundsoliden, redaktionellen Service ablieferten, sonst aber mit ihren Live-Ticker enttäuschten. Mehr als der aktuelle Spielstand auf Refresh-Klick war hier nicht zu erfahren.
Selbst die Web-Redaktion der ehrwürdigen Wochenzeitung Die Zeit, nicht gerade als Zentralorgan der Sport-Berichterstattung bekannt, hatte da mehr zu bieten und überraschte durch einen Pop-Up-Ticker mit dem gerade aktuellen Spielstand gleich auf der Startseite, der auf weiteren Mausklick auch gleich einen Live-Kommentar, zum Teil auf Print-Zeit-Niveau lieferte. Köstlich.
Wer dagegen eher den multimedialen, technisch aufwändigeren Ticker-Genuss suchte, für den gab es während des WM-Turniers eigentlich nur eine Adresse: In Sachen Feature-Reichtum war der Sport1-Ticker das Nonplusultra. Gespickt mit zahlreichen technischen Features wie Echtzeit-Spielbericht-Zeitleiste, Spiel- und Spielerstatistiken und trotzdem ladeschnell – die WM-Web-Live-Berichterstattung verdiente sich hier Bestnoten. Besonderes Highlight im Sport1-Ticker: die zeitverzögerte Szenenfoto-Slideshow. Da bewegte Live-Bilder aus naheliegenden Gründen im Web nirgends zu betrachten waren, wich die Sport1-Redaktion auf Fotoreihen aus, die beim schnellen Klicken zumindest als simulierte Bewegtbilder durchgehen konnten.
Kleinere Usability-Mankos waren da schnell verziehen: In der Vorrunde fehlte im Ticker ein direkter Zugang zu den Gruppentabellen. Wenn man genau wissen wollte, ob ein Spielstand das Weiterkommen oder das Turnier-Aus bedeutete, musste man deshalb erst umständlich in die Hauptnavigation der WM-Sonderberichterstattung wechseln und sich von dort aus weiter hangeln. Auch die Zweiteilung des Ticker-Textes in eine Kurz- und eine Langversion war zwar ladezeittechnisch klug gedacht, beim Lesen störte sie teilweise aber doch gewaltig, weil der Aktualisierungsklick immer wieder auf die Kurzvariante zurückführte.
Auch sports.com lieferte einen gelungenen Rund-um-sorglos-Ticker, der unter anderem auf den reichweitenstärksten deutschen Portalen bei t-online.de und freenet.de implementiert war. Zwar gab es von sports.com keine zeitverzögert gelieferten Torschuss-Slideshows, aber immerhin jede Menge Szenenfotos in einer Bildergalerie, die obligatorischen Spiel- und Spielerstatistiken und einen Ticker-Text, in dem die Highlights jedes Spiels durch grafische Symbole markiert waren – optimal fürs schnelle Scannen.
Wer nun aber glaubt, die Ticker könnten nur auf dem Fußballfeld florieren, ist einigermaßen auf dem Holzweg, denn mittlerweile findet sich die Erzählform “Live-Ticker” auch in anderen Themenfeldern. Im Wirtschaftsjournalismus etwa wird mit Ticker-vergleichbaren Lösungen vor allem in der Berichterstattung über Hauptversammlungen oder Bilanz-Pressekonferenzen grosser Aktiengesellschaften experimentiert. So berichtete beispielsweise die Online-Redaktion des Manager Magazins Ende Mai 2002 im Live-Text gut sieben Stunden lang von der mit Spannung erwarteten Hauptversammlung der Büdelsdorfer Mobilcom-AG. Anders als für den inzwischen entlassenen Mobilcom-Vorstandschef Gerhard Schmid geht die Erfolgsgeschichte für den Live-Ticker also weiter.”












