Formenwirrwarr: Die Web-Reportage – was bin ich und wenn ja, wie viele?

30. März 2011


Eine meiner Standard-Stilempfehlungen für die Redaktionspraxis lautet: Verzichten Sie auf Texteinstiege, die die Anzahl von Suchergebnistreffern als Aufhänger missbrauchen, denn die Masche ist seit fast zehn Jahren wirklich, sorry, ausgelutscht. Ersetzt wird sie zur Zeit durch die Anzahl der Freunde und Fans auf Facebook-Seiten, was auch nicht viel besser ist.

Für diesen Text muss ich trotzdem eine Ausnahme machen. Das Thema gebietet es einfach. Also: Wer in die Eingabemaske der Suchmaschine mit dem bunten Logo das Stichwort “Web-Reportage” eingibt, erntet knapp 2,5 Millionen Treffer in 0,18 Sekunden. Das allein wäre noch nicht schlimm, nur in diesem besonderen Fall wird schon auf den ersten Trefferseiten klar, dass es die “Web-Reportage” als unzweideutig erkennbare Form nicht gibt – wie die folgenden willkürlich ausgewählten Auszüge aus den Treffertexten zeigen:

“Online-PR vom Profi: Webreportagen sind die preiswerte Alternative zum Imagefilm, z.B. als Unternehmensporträt, Produktpräsentation, virtueller Rundgang, …”

“The webreportage for the GEO magazine: An interactive reportage with videos, interviews, photos and comments.”

“Gunthild Kupitz, freie Journalistin aus Hamburg, ist mit ihrer Audioslideshow “Frau mit Bart” vom Reporterforum in der Kategorie ‘Beste Webreportage 2009′ …”

“In diesem Unterrichtsprojekt erstellen Schülerinnen und Schüler in Kleingruppen gemeinsam so genannte Web-Reportagen auf Basis eines Wikis.”

“Audioslideshows: Verlage entdecken vertonte Foto-Reportagen. Die Web-Reportagen erzählen Geschichten in Bildern und unterlegen sie mit O-Tönen der Protagonisten, Geräuschen oder Musik, bauen manchmal …”

“Webreportage der Woche: Adventskalender im Web”

Die Beispiele zeigen: “Web-Reportage” dient als Sammelbegriff für alles Erdenkliche. Gleichzeitig weisen die Suchergebnisse auch über die Einzelbetrachtung hinaus und stehen pars pro toto für das ganze Dilemma des journalistischen Formenkanons im Web: Er existiert allenfalls in Ansätzen. Selbst diejenigen, die es eigentlich wissen sollten, verwenden offenkundig unterschiedlichste Bezeichnungen für an sich identische Formen oder verwenden – in umgekehrter Richtung – ein bestimmtes Etikett als Name für unterschiedlichste Formen.

Es steckt fast jedes Mal etwas Anderes drin
Letzteres gilt prominent für den Begriff “Web-Reportage”: Als Etikett für wie auch immer gearteten Online-Inhalt ist die Wortschöpfung unzweifelhaft weit verbreitet. Wer allerdings in das Wort hineinschaut und das Bezeichnete darin genauer betrachtet, muss feststellen: Es steckt fast jedes Mal etwas Anderes drin. Häufig werden etwa Audio-Slideshows mit dem Begriff “Webreportage” bezeichnet, dann sind es multimedial garnierte Texte, dann fürs Web produzierte Fernsehreportagen und schließlich auch noch ein Wildwuchs von Adventskalender bis zu Textwiki.

Dass es so kommen musste, war irgendwie abzusehen: Ob Print, Hörfunk oder Fernsehen – alle angestammten Mediengattungen kennen die Reportage als Form und die Baumuster und Funktionen sind sich teils auch ähnlich. Nur identisch sind sie schon deshalb nicht, weil sie mit unterschiedlichen Darstellungsmodi (Schrift, Foto, Audio, vertontes Bewegtbild) arbeiten und im Web jetzt auf einmal in verknüpften Fassungen stattfinden. Das muss verwirren.

Mancher ist davon richtig genervt
Fast zwanzig Jahre nach der Geburt des öffentlich zugänglichen WWW gibt es also so etwas wie einen gordischen Begriffswirrwarr um die journalistischen Dinge im Web. Und folgerichtig fehlt es an Konsens darüber, wie das, was im Web journalistisch im Rezeptionsangebot ist, zutreffend benannt werden kann. Mancher ist davon ziemlich genervt. Der Onlinejournalist Fabian Schweyher schreibt beispielsweise: “Ich kann es nicht mehr lesen: Wenn im Internet von audio-visuellen Inhalten die Rede ist, fallen schnell Begriffe wie Web-Reportage, Web-Dokumentation – oder gleich auf Englisch: Web Documentary. Was soll das sein? Alles und nichts.”

Versuche, die journalistischen Online-Erzählformen zu systematisieren, hat es zwar schon frühzeitig gegeben (und ich hab mich auch daran beteiligt), bewirkt haben sie bislang allerdings offensichtlich wenig bis gar nichts.

Höchste Zeit also für einen neuen Vorstoß, zumindest diesen einen Begriff etwas klarer zu konturieren und zu fragen: Was genau ist denn nun eine Web-Reportage?

Dieser ziemlich lang geratene Text will diese Frage beantworten. Für alle, die es eilig haben, sage ich deshalb schon an dieser Stelle: Es gibt sie, die Web-Reportage. Und: Eine bestimmte Variante der Audioslideshow zeigt alle typischen Kennzeichen der Reportage und kann deshalb auch begründet als Web-Reportage bezeichnet werden.

Was ist eine Darstellungsform?
Wer die Frage beantworten will, muss zunächst wissen, wie die Reportage als journalistische Darstellungsform zu identifizieren ist, es braucht also eine Reportage-Definition. Mit einer solchen Definition kann dann überprüft werden, ob es Reportage im Web überhaupt gibt und – im Besonderen – ob das, was heute als Web-Reportage bezeichnet wird, auch begründet als onlinespezifische Form der Reportage bezeichnet werden kann oder nicht.

Versuche, die Reportage als Darstellungsform zu definieren gibt es viele, quer durch die unterschiedlichen Mediengattungen. Um aus den Definitionen eine geeignete auswählen zu können, ist vorab noch zu klären, was denn eigentlich eine Darstellungsform ist: Wissenschaftlich betrachtet sind Darstellungsformen kommunikative Prozesse, sie sind zweckdienliche Kommunikationserwartungserwartungen. Das meint: Auf der einen Seite erwarten die Rezipienten von einem Medium, dass es bestimmte Funktionen erfüllt (wie informieren, kritisieren, orientieren etc.). Und die anbietenden Redaktionen erwarten von den Rezipienten eben genau solche Informationserwartungen und reagieren darauf, indem sie geeignete Formen entwickeln. Auf diese Weise sind Publikum und Medium aneinander gekoppelt und die konkreten Darstellungsformen konturieren sich jeweils im Zeitverlauf in einem Wechselspiel von Angebot und Nachfrage.

Auch für die Reportage bedeutet das: Sie ist als Form nicht ein für allemal definiert und ändert sich im Zeitverlauf. Das, was wir heute als Reportage bezeichnen, sah vor fünzig oder hundert Jahren graduell anders aus als das, was wir heute damit bezeichnen – und es wird in zehn, fünfzig oder hundert Jahren auch mindestens graduell anders aussehen als heute.

Die Print-Reportage
Darstellungsformen sind also etwas Fließendes, sich Wandelndes, auch wenn sie sich meist sehr langsam wandeln. Sie erfüllen für die Rezipienten jeweils einen kommunikationsbezogenen typisierbaren Zweck, sie haben eine Funktion. Und über ihre Funktion können sie definiert werden.

Was also ist dann die Funktion der Reportage? Der Leipziger Journalistikwissenschaftler Michael Haller hat dazu in seinem Standardwerk “Die Reportage” fünf Thesen angeboten. Die moderne Reportage ist danach eine hybride Form:

· Sie erfüllt die Funktion der Reisereportage: Die Reporterin oder der Reporter überwindet Distanz und ist Stellvertreter(-in) des Lesers vor Ort.
· Sie erfüllt die Funktion des Augenzeugenberichts: Die Reporterin oder der Reporter überwindet Barrieren und erschließt dem Leser bislang Verschlossenes.
· Ziel ist es, das Lesepublikum an einem Geschehen teilhaben zu lassen. Und das journalistische Handwerksinstrument dazu ist eine “erzählende wie auch schildernde Sprache. Sie vermittelt das Geschehene konkret, sinnlich und unmittelbar.”

Natürlich gibt es im Printjournalismus unterschiedlichste Spielarten der Reportage, von der investigativen Reportage über die Reisereportage über die Recherchen-Reportage bis hin zum Porträt. Die von Haller aufgestellten Identifizierungsmerkmale gelten für alle Spielarten, sie sind das Gemeinsame dieser Form, das Tertium Comparationis.

Die Fernseh-Reportage
Für die Betrachtung von Erzählstoffen im Web braucht es zusätzlich mindestens auch eine Definition aus einer weiteren Mediengattung, denn das Web ist ein Multimedium, in dem nicht allein die Schriftsprache als Modus zum Einsatz kommt. Vergleichbare modale Darstellungsfreiheiten bietet am ehesten das Fernsehen. Auch in dieser Mediengattung gibt es unterschiedliche Definitionen für die Fernsehreportage.

Ähnlich wie Haller hat der Fernsehjournalist Bodo Witzke einen funktionalen Ansatz gewählt, der sich in vielen Aspekten mit den Thesen Hallers deckt, teils explizit daran anknüpft. Witzke definiert die Fernseh-Reportage folgendermaßen:

· Die Reportage handelt von einer Erkundung der Wirklichkeit.
· Die Reportage wird von einem Augenzeugen erzählt, der offen für Neues und Überraschendes ist.
· Die Reportage besteht aus objektiven Fakten und subjektiven Eindrücken.
· Der Reporter muss als Journalist seine Freiheit zur Subjektivität verantwortlich nutzen.
· Die Reportage erzählt eine Geschichte.
· Die Reportage-Geschichte wird aus der Perspektive des Augenzeugen erzählt.
· Die Reportage-Geschichte ist die Innenansicht eines Geschehens, keine Aussensicht.
· Die Reportage-Geschichte hat eine chronologische, lineare Entwicklung (sie bildet ein raumzeitliches Kontinuum).
· Die für eine Geschichte notwendige Dramaturgie (Eröffnung/ Konfliktaufbau/ Höhepunkt/ Entspannung) entsteht im idealen Fall aus dem Geschehen.
· Die Reportage lässt den Zuschauer das Erzählte miterleben.
· Das übergreifende Ziel der Reportage ist es, Authentisches so zu erzählen, dass es authentisch wirkt, um ein Stück Wirklichkeit so direkt wie möglich zu vermitteln.

Es ist unschwer zu erkennen, dass auch die Fernsehreportage zu begreifen ist als ein authentisches Erzählstück, das ein Geschehen aus der Perspektive des Augenzeugen einfängt, um es den Zuschauer miterleben zu lassen. Die Funktion der Printreportage und die Funktion der Fernsehreportage erscheinen in diesem Licht im Kern kongruent, es gibt also mediengattungsübergreifende Charakteristika der Reportage als Darstellungsform.

Die Web-Reportage
Diese Charakteristika lassen sich wiederum konsequent auch ins Web übertragen und für die systematische Analyse von dort angebotenen Erzählstoffen heranziehen. Wenn ein Web-Erzählstoff als Web-Reportage bezeichnet wird, sollte er schon die genannten Eigenschaften zeigen.

Wie im Einstieg in diese Analyse anklungen ist, wird heute vor allem die Audioslideshow als Web-Reportage bezeichnet. Der Begriff Audioslideshow, also die vertonte Bildergalerie, rekurriert dabei auf die verwendeten Darstellungsmodi, also auf Ton und Foto in einer linear organisierten Form. Dies hat den Vorteil, dass es kaum Probleme gibt, eine Audioslideshow zu erkennen: Sie ist eben eine Bilderfolge mit unterlegter Tonspur. Funktional wiederum erfüllen die unterschiedlichen Spielarten der Audioslideshow auch unterschiedliche Aufgaben. Nur zwei Beispiele für das Spektrum: Manchmal sind sie musikunterlegte Klickstrecken ohne erzählerische innere Dramaturgie. Manchmal aber sind sie eben auch dramaturgisch durchkomponierte illustrierte Audio-Erzählstücke.

Funktional betrachtet zeigen gerade jene Audioslideshows, die sich als dramaturgisch durchkomponierte illustrierte Audio-Erzählstücke präsentieren, alle Kennzeichen der Reportage. Die Audioslideshow in dieser Variante ist deshalb glaskar eine originäre Reportageform:

· Sie wird vor Ort recherchiert.
· Sie ist authentisch.
· Die Reporterin oder der Reporter ist als Augenzeuge unterwegs.
· Es wird eine Geschichte erzählt.
· Es wird Distanz überwunden im Sinne der Tradition der Reisereportage.
· Es wird Barriere überwunden im Sinne der Tradition des Augenzeugenberichts.

- Update (05.11.11) -

Soll im Unterschied zur Print-Reportage und zur TV-Reportage auch eine Web-Reportageform identifiziert werden, dann benötigt sie darüber hinaus unverwechselbare distinkte Eigenschaften. Sie könnten so aussehen:

· Die Web-Reportage wird multimodal erzählt.
· Der dominant eingesetzte Modus ist nicht Schrift.
· Der dominant eingesetzte Modus ist nicht Bewegtbild.
· Die dominant eingesetzten Modi sind Ton und Foto.

So weit, so gut. Die Audioslideshow ist demnach als Format für die Erzählform Web-Reportage grundsätzlich geeignet. Allerdings gilt auch: Nicht jede Audioslidehow ist zwangsläufig eine “Web-Reportage”. Und: Es gibt im Web noch eine ganze Palette weiterer Textmuster, die die mediengattungsübergreifenden Kennzeichen der Darstellungsform Reportage ebenfalls zeigen.

Weiterführende Links

Storytelling im Web (Teil 2): Onlinejournalistische Textformen

Fabian Schweyher: Schwammig-schwammiger-Webreportage

Bodo Witzke: Die Fernsehreportage (PDF)

publiziert in Online-Textformen
  • http://www.texten-fuers-web.de/2011/07/die-tfw-sommerlinks-die-top-11-artikel-auf-texten-furs-web-im-ersten-halbjahr/ Texten fürs Web » Blog Archive » Die TfW-Sommerlinks: Die Top 11-Artikel auf Texten fürs Web im ersten Halbjahr

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