29. April 2011

Es liegt in der Natur der Sache, dass das punktuelle Erproben journalistischer Darstellungsformen im Hochschul-Seminar die tägliche Routine in der Praxis nicht ersetzt. Sattelfest im Schreiben wird nur derjenige werden können, der sich darin regelmäßig übt. Den Journalistikstudierenden an der FH In Hannover empfehle ich deshalb immer schon gleich im ersten Semester, möglichst häufig nebenbei als freie Mitarbeiterin beziehungsweise als freier Mitarbeiter zu arbeiten, für eine Zeitung oder eine Online-Redaktion oder für das Studierendenmagazin des Studiengangs.
Und natürlich empfehle ich ihnen auch zu bloggen.
Beim Bloggen geht es allerdings nicht allein um Schreibroutine, sondern um mehr. Bloggen ist Texten im digitalen Publikationsraum – und dieser Publikationsraum unterliegt besonderen Eigenheiten, die allesamt für die berufliche Zukunft im Journalismus eine Rolle spielen. Diese Eigenheiten haben zwar auch mit dem handwerklich gekonnten Vermitteln öffentlich relevanter Information zu tun, aber nicht nur:
1. Das Web ist ein Echtzeitmedium. Bloggen bedeutet deshalb, zu erlernen, wie die Live-Contentströme auf regulären Websites, in der Blogosphäre, auf Facebook oder auf Twitter verlaufen, wie sie miteinander verwoben sind, wie mit ihnen umzugehen ist und welche Werkzeuge eingesetzt werden können, um relevante Stoffe aus diesen Strömen zu aggregieren oder zu kuratieren.
2. Das Web ist ein Multimedium. Zu bloggen bedeutet, sich Gedanken auch darüber zu machen, wie ein Artikel durch Foto, Audio, Video für die Geschichte sinnvoll ergänzt werden kann. Bloggen schult deshalb die Crossmedia-Kompetenz – etwas, das in der Praxis beispielsweise für die Produktion von Tablet-App-Publikationen gebraucht wird.
3. Das Web ist ein digitales Medium. Bloggen bedeutet deshalb, dass das Vernetzen, Sich-Einweben und Optimieren auf dieser Plattform geübt wird. Hier geht es zum Beispiel um Themen wie gezielte Onpage-Suchmaschinenoptimierung, um den sinnvollen Einsatz von RSS-Feeds, um optimale Vernetzungen von Website und Newsletter, um suchmaschinenorientierte Überschriften oder Fotos, um technische Zielgruppenorientierung oder um Traffic-Analyse.
Das Beispiel: WordPress und seine Plugin-Möglichkeiten.
4. Das Web ist ein soziales Mitmachmedium. Bloggen bedeutet deshalb, zu lernen, wie die Nutzer sozialer Netzen auf Artikel reagieren, in welchen Frequenzen und wann sie über welche Kanäle reagieren und wie man ihre Themeninteressen erkennt und aufgreift.
Das Beispiel: Social Media Monitoring-Wiki.
Das Beispiel: Jan Eggers Übersicht über die besten SMM-Tools.
5. Das Web ist ein Kooperationsmedium. Bloggen bedeutet, sich mit Gleichgesinnten zusammenschließen zu können und unterschiedliche redaktionelle Organisationsformen zu erproben, etwa punktuell für ein kollaboratives Schreibprojekt oder dauerhaft als (teil-)virtuelles Redaktionsbüro, es lassen sich Korrespondentennetze mit KollegInnen in ausländischen Redaktionen etablieren – und und und.
Das Beispiel: Longshotmag – zwei Tage, ein Magazin.
Das Beispiel: Zeitenspiegel – die Reporter-Agentur.
Zusammengenommen geht es beim Bloggen also um journalistische Kernkompetenzen UND um redaktionelles Marketing.
Es gibt natürlich in der Branche auch diejenigen, die sagen werden: Alles Schnickschnack. Journalisten sollten vor allem ein Näschen für Themen haben. Sie sollten in einem Thema über Spezialwissen aneignen. Sie sollten gut recherchieren können. Und sie sollten gut schreiben können. Das muss reichen, denn das ist ihre Kernaufgabe.
Ich halte dem entgegen und sage: Das reicht heute nicht mehr. Längst nicht alle schaffen es in eine materiell und personell gut ausgestattete Redaktion, die ihnen die Konzentration auf diese journalistische Kernaufgabe erlaubt. Wer als freie Journalistin oder als freier Journalist seine Brötchen zu verdienen hat oder wer für eine kleine Redaktion oder als AlleinredakteurIn für eine Publikation tätig ist, muss gezielt auf seine Produkte aufmerksam machen können – und braucht dazu unbedingt auch eine fundierte Kompetenz im redaktionellen Marketing, vor allem im redaktionellen Web-Marketing.
Dies erscheint insbesondere deshalb zukunftswichtig, weil der Markt für journalistische Produkte sich künftig deutlicher von den traditionellen Redaktionsorganisationen loslösen und stärker durch individuellen Journalismus (durchaus auch in Verbünden) geprägt sein dürfte, zumindest partiell. Sprich: JournalistInnen werden ihre Arbeiten – sobald sie eine gewisse Prominenz erlangt haben – häufiger auf eigene Rechnung und bevorzugt digital direkt an die Leserinnen und Leser richten und verkaufen.
So gesehen deutet sich im Web heute in Ansätzen bereits an, dass im Langform-Journalismus (etwa via Kindle Singles) oder auch in monothematischen E-Books neue Absatzmärkte entstehen – ähnlich wie es im Buchjournalismus a la Michael Jürgs oder Ulli Wickert oder Peter Scholl-Latour schon seit Jahrzehnten der Fall ist. Star-Blogger wie Stefan Niggemeier oder Sascha Lobo gehören in dieser Perspektive nur zur Avantgarde.
Sicher gibt es auch andere Wege, sich diese journalistisch geprägte Marketing-Kompetenz anzueigen. Tiefergehend geschult wird sie allerdings vor allem im Selbststudium – über das regelmäßige Arbeiten am eigenen Blog. Jeder Journalistikstudierende, der ins schreibende Fach will, sollte deshalb bloggen, um mit den Eigenheiten des Mediums vertraut zu werden. Es wäre sträflich, dieses Feld als angehende Journalistin oder angehender Journalist zu ignorieren.