Relaunch-Analyse: Das sind die Mängel im neuen Bild.de-Layout


Die Reaktionen auf den Bild.de-Relaunch in der letzten März-Woche waren größtenteils heftig, positive Kommentare blieben in der Minderzahl – wie so oft, wenn sich Nutzer vom gewohnten Seitendesign einer Website verabschieden müssen. Ein paar Beispiele aus den Kommentarzonen einschlägiger Websites (wie etwa meedia.de) zeigen deutlich, dass die Nutzergemeinde vor allem eine Unübersichtlichkeit des veränderten Auftritts kritisiert:

Ich kenne keine große News-Seite, die so unübersichtlich wie die neue Bild.de ist.

Es wirkt alles so, als wenn man mehr Nachrichten innerhalb weniger Fläche unterbringen wollte.

Alleine auf der Startseite 10 Karusselle, die automatisch durchschalten, dazu ein animierter Teaser zur Landtagswahl und diverse animierte Werbebanner – spontan fällt mir keine Website ein, die unaufgeräumter und/oder unruhiger ist als das neue Bild.de. Das alte Design eingeschlossen.

Schlimm…

Die Seite ist so unglaublich unübersichtlich geworden…ein Flashfilm jagt den nächsten; keine Anhaltspunkte wie und wo man sich befindet…
die Seite ist jetzt so lang, dass ich 2 min. brauche um nach unten zu scrollen.

Woran liegt es, dass diese Eindrücke entstehen?
Um das herauszufinden, wird hier das Startseitenlayout vom 16. April 2011 mit dem Startseitenlayout vom 12. Februar 2011 verglichen. Vorweg ist anzumerken: Bild.de hatte am 12.02.2011 ein eher untypisches Layout. Wegen der aktuellen Nachrichtenlage (kurz nach dem verheerenden Erdbeben in Japan) gab es auf der Startseite an diesem Tag einen Zusatzaufmacher am Seitenkopf und damit eine längere Startseite als üblich. Um die Analyse nicht zu verfälschen, ist dieser Zusatzaufmacher für die Analyse aus dem Screenshot gelöscht. Um den Aufwand für diese Analyse in Grenzen zu halten, wird jeweils der Abschnitt der ersten 3500 Pixel betrachtet.

Hier sind die Bild.de-Screenshots inklusive Blickachsen dokumentiert.

Für die Detail-Analyse wird auf die im Layout entstehenden Blickachsen zwischen den Illustrationselementen der Website zurückgegriffen.

Blickachsen verbinden die blicklenkenden Elemente beliebiger Layouts (wie: Fotos, Grafiken, Überschriften, Farbelemente, Animationen) und strukturieren ein Netz von Blickachsen, auf dem die Nutzerblicke in der Scanphase tendenziell über die Seite geführt werden.

Blickachsen geben also Hinweise auf die wahrscheinlichen (nicht auf die faktischen) Blickwege im gerade betrachteten Layout. Ähnlich wie bei der Fluchtlinienanalyse liefern sie allerdings mit vergleichsweise geringem Analyseaufwand substanzielle Indizien für die wahrgenommene Ruhe beziehungsweise die Unruhe eines Seitenlayouts. Oder auch für die visuelle Haftkraft bestimmter Layoutflächen. Neben den Blickachsen gibt es natürlich auch andere Faktoren, die für die emotionale Wahrnehmung einer Webseite eine Rolle spielen. Sie bleiben hier außer Betracht.

Die Seitenlänge
Warum also wird das neue Startseitenlayout auf Bild.de als eher unübersichtlich bewertet? Fakt ist: An der Seitenlänge kann es nicht liegen. Im neuen Design hat die Startseite eine Länge von 8209 Pixeln, im alten Design eine Länge von 8638 Pixeln – die neue Startseite ist also kürzer als die Vorgängerversion.

Die Fotos
Das alte Seitenlayout zeigt auf den ersten 3500 Pixeln knapp 30 Fotos, das neue Seitenlayout zeigt nur 20 Fotos in Formatgrößen oberhalb von 80×80 Pixeln (kleinere Formate gelten als nicht blickverlaufsrelevant). Mit dem Relaunch wurde die Anzahl der Fotos also verringert. Weniger Fotos schaffen jedoch nicht zwingend ein ruhigeres Seitenbild. Es kommt auch auf die Anzahl unterschiedlicher Formate an. Und hier wird im Vergleich der Seiten deutlich, dass es im alten Seitenlayout nur 6 unterschiedliche Formate gibt, im neuen dagegen 13. Die Bild.de-Verantwortlichen haben also versucht, ihre Fotoformate stärker zu variieren. Schaut man sich zusätzlich die Fotopositionen an, dann fällt auf, dass die Fotos im alten Layout mehrheitlich in der breiteren Hauptspalte laufen. Im neuen Layout dagegen wird dieser zweispaltige Umbruch viel häufiger durchbrochen, vermutlich um die Seite im Layout bewusst aufzulockern. Im Ergebnis ist das Startseitenlayout damit variabler konstruiert als bislang – und genau deshalb wird es jetzt als unruhig empfunden. Hier liegt wohl ein wesentlicher Grund für die von vielen Nutzern kritisierte neue Unübersichtlichkeit.

Die Ressorts
Die vertikale Hierarchie der Ressorts ist weitgehend unverändert. Im alten Layout sah sie auf den ersten 3500 Pixeln so aus:

Aufmacher-Rotation
Top-Nachrichten-Linkfläche
Politik und Wirtschaft
News
Der Tag in Bildern
Unterhaltung
Sport

Im neuen Seitenlayout sieht die Ressortfolge jetzt so aus:

Aufmacher-Rotation
Meldungen
News
Der Tag in Bildern
Politik
Unterhaltung
Video
Sport

Die Änderungen in der Ressort-Hierarchie erscheinen also eher marginal. Umbauten gibt es bei den Kurznachrichten: Newsticker und Top-Nachrichten-Linkfläche sind zu einem Meldungen-Fenster verdichtet worden. Und die drei Kurz-Newsteaser des alten Layouts (unterhalb des Aufmachers) sind im neuen Layout einer dreiteiligen Sportnachrichten-Rotation gewichen. Das Ressort Sport wird damit deutlich stärker als Kernkompetenz akzentuiert. Das Ressort News steht in der Folge jetzt oberhalb des Ressorts Politik, vorher war es umgekehrt. Neu ist das Video-Ressort in der Hauptspalte, das zuvor auf kleinerer Fläche in der Randspalte stand – ein klarer Hinweis auf die Bild.de-Strategie, die Nutzer noch intensiver über verweilzeitverlängernde Videostoffe zu binden. Insgesamt wirken die Umbauten in der Ressortfolge eher moderat und können kaum als Grund für die verbreitet empfundene Unübersichtlichkeit herangezogen werden.

Die Rotationen
Die prominenteste Änderung liegt sicher in den zusätzlichen Teaser-Rotationen quer über die gesamte Seite: Statt nur einer Rotation am Seitenkopf, hat jetzt jedes Hauptressort eine eigene Rotation. Auf den jeweils gerade aktiv präsentierten Teaser wird durch eine rote Teaserhintergrundfarbe und einen zugehörigen Pfeilverweis hingewiesen. Das sind visuell sehr prominente Blicklenkungsinstrumente, die zusammen mit der Animation eine hohe Stickyness (Haftkraft) erzeugen sollen.

Das Problem dabei ist: Ähnlich wie bei zu viel Fettsatz in einem Text kann auch die Wirkung von Teaser-Rotationen ins Gegenteil umschlagen. Wenn beispielsweise in einem Text sehr viele Wörter fett gesetzt werden, verliert die Fettung ihre Prominenz. Bei den Rotationen ist es im Grunde nicht anders: Hier müssen die Nutzer während des Überfliegens innehalten, wenn sie alle Teaserbilder einmal gesehen haben wollen – und büßen ihre Zeitsouveränität ein.

Am Seitenkopf mag das – einmalig – für viele Nutzer noch akzeptabel sein. Bei zu vielen Rotationen kann der Schuss aber auch schnell nach hinten losgehen: Die wenigsten Nutzer werden im überfliegenden Lesen alle Loops in den Rotationen komplett abwarten wollen oder alternativ mit dem Mauszeiger erkunden. Tendenziell werden sie ihre Rezeption der Rotationsbilder meist abbrechen und deshalb als Eindruck mitnehmen, dass die Startseite mit dem bislang üblichen Zeitinvest nicht mehr vollständig erfasst werden kann. Das Überfliegen geht also nicht mehr so schnell wie im alten Layout. Es dauert jetzt gezwungenermaßen länger, die Startseitenthemen zu erfassen. Gerade dieser Aspekt erklärt, warum einige Nutzer – trotz der kürzeren Startseite – den Eindruck haben, dass sie jetzt für das Überfliegen der Startseite mehr Zeit verbrauchen (müssten).

Die Blickachsen
Die Anzahl und die Positionen der Blickachsen zeigen zwei Dinge: Im neuen Layout gibt es weniger Blickachsen, sodass die Seite eigentlich aufgeräumter wirken könnte. Gleichzeitig sind die Blickachsen aber auch breitflächiger gestreut, sie sind nicht mehr in der linksbündigen Hauptspalte des alten Layouts konzentriert. Das ist ein Indiz dafür, dass die Nutzer im Überfliegen der Seite jetzt mehr Fläche zu durchmustern haben, um alle wesentlichen Themenangebote mindestens peripher gesehen zu haben. Ihr kognitiver Aufwand für das Themenerfassen ist im neuen Seitenlayout also relativ höher.

Fazit
Alles in allem sind also die zusätzlichen Fotoformate, das Durchbrechen der bislang sehr streng gehaltenen Spaltengrenze und die vielen Rotationen dafür verantwortlich, dass die neue Bild.de-Startseite eher unübersichtlich wirkt. Was die Fotoformate und das variantenreichere Seitenlayout anbelangt, können die Macher auf einen Gewöhnungseffekt setzen. Was allerdings die Rotationen anbelangt: Da gibt es ein strukturelles Zuviel des Guten. Startseiten informierender Websites werden meist nicht länger betrachtet als 15 bis maximal 30 Sekunden. Auf Bild.de ist ein Erfassen gerade der wichtigsten Themen (in den Rotationen) in dieser kurzen Zeitspanne einfach nicht mehr möglich.

Weiterführende Links

Die Bild.de-Screenshots mit eingezeichneten Blickachsen