Was Journalisten anrichten – und was daraus für die Praxis folgen sollte


Die Redaktion des Zeitmagazins hat jüngst eine Selbstkritik über journalistische Fehlleistungen zum Inhalt einer ganzen Ausgabe gemacht. Manche Leser bedankten sich für die aufrichtigen Stellungnahmen und Einblicke, manche wünschten sich noch mehr Mut zur Aufrichtigkeit, manche kritisierten die blinden Flecken in der Binnenschau der Zeit-Redaktion. Und manche stellten Fragen. Vor allem diese: Und jetzt? Was folgt daraus?

In der Ausgabe selbst war dazu fast nichts zu finden. Nur diese eine klitzekleine Anregung aus der Feder von Marc Brost, Leiter des Hauptstadtbüros der Zeit:

Fast jede Zeitung hat eine Korrekturspalte, in der falsch geschriebene Namen richtiggestellt werden. Aber wie gehen wir damit um, wenn unsere Haltung falsch war? Wenn wir Menschen hochjubelten, die dann stürzen? Die Leser sollten wissen, ob sich unser Blickwinkel ändert und warum. Und sie sollten erkennen, wann wir zweifeln und unsicher sind. Wie wäre es zum Beispiel, wenn am Ende eines Artikels stehen würde, welche Fragen der Autor nicht beantworten konnte? In seinen New Rules of News fordert der amerikanische Medienexperte Dan Gillmor genau das. Klingt erst einmal seltsam, könnte aber helfen.

Bei Lichte besehen sind Gillmors Anregungen aus dem Jahr 2009 alles andere als seltsam. Sie sind nur kaum bekannt. Gillmor listete damals 22 sehr konkrete Punkte, die er ändern oder umsetzen würde, wäre er der Leiter einer Nachrichtenredaktion.

Dies ist seine Liste (in eigener Übersetzung und in Kurzform):

1. Wir würden keine Jahrestags- und Jubiläumsgeschichten mehr veröffentlichen.

2. Wir würden unser Publikum einladen, am journalistischen Arbeitsprozess mitzuwirken. Wir würden dazu die gesamte Palette der Mitmachmöglichkeiten nutzen – vom Crowdsourcing bis zu Wikis.

3. Transparenz ist ein zentrales Element unseres Journalismus. Nur ein Beispiel: Jeder Artikel würde begleitet durch einen Kastentext mit der Überschrift “Was wir nicht herausgefunden haben”. Und wir würden das Publikum dazu einladen, diese Lücken in der Recherche zu füllen.

4. Wir würden einen Nachrichtendienst einrichten, der die Abonnenten darüber informiert, welche Fehleinschätzungen uns rückblickend unterlaufen sind.

5. Das Gespräch würde ein essenzielles Element unseres Wirkens werden. Als Lokalzeitung würden wir Kurator und Dokumentator der online geführten Gespräche in unserer Region sein. Editorials würden im Blogformat erscheinen, das Gleiche gilt für Leserbriefe. Wir würden dazu ermuntern, dazu aufrufen und darauf bestehen, dass Kommentare in moderierten Foren unter dem eigenen echten Namen abgegeben werden. Kommentare von Personen mit verifiziertem Klarnamen würden zuerst gelistet.

6. Wir würden uns weigern, nur noch zu stenografieren und dies dann Journalismus zu nennen. Wenn eine Quelle nachweislich lügt, dann würden wir das offenlegen – begleitet durch entsprechendes Beweismaterial.

7. Wir würden PR-Floskeln ersetzen und auf eine neutrale, präzise Sprache achten.

8. Wir würden Hyperlinks auf jede erdenkliche Weise nutzen. Unsere Website würde eine umfassende Liste anderer relevanter Medienquellen anbieten. Wir würden auf alle relevanten Blogs, Fotoströme, Videokanäle, Datenbankdienste und sonstiges Material verlinken – und dieses Material auch redaktionell bewerten und einordnen. Wir würden uns nicht verstehen als Orakel, sondern als Tourführer.

9. Unsere Archive wären online frei zugänglich und mit Application Interfaces (APIs) ausgestattet, um es den Menschen zu ermöglichen, das Material für nützliche Zwecke zu verwenden, an die wir selbst nicht gedacht haben.

10. Wir würden dabei mithelfen, die Leute zu informierten, medienkompetenten Nutzern zu machen. Dazu würden wir ihnen Wege aufzuzeigen, wie sie sich das erforderliche Wissen aneignen können.

11. Wir würden keine Listen nach dem Modell “Die zehn besten…” veröffentlichen.

12. Nur in gut (von der Quelle) begründeten Ausnahmefällen würden wir auf den Klarnamen einer Quelle in unserer Berichterstattung verzichten.

13. Stellen sich die von der Quelle genannten Gründe für das Anonymisieren ihres Namens als unzutreffend oder als gelogen heraus, wird der Quellenname nachträglich veröffentlicht.

14. Wir würden das Wort “muss” aus unseren Editorials und Kommentaren verbannen. Sätze wie “Die Kanzlerin muss jetzt dies und das tun” würden nicht mehr formuliert.

15. Wir würden routinemäßig auf die Arbeit unserer Wettbewerber hinweisen. Wenn wir entdecken, dass dort am gleichen Thema gearbeitet wird wie bei uns, würden wir darauf verlinken, um dem Publikum eine breitere Sicht der Dinge zu eröffnen.

16. Abseits dieses routinemäßigen Verweisens würden wir auch im Nachgang zu Berichterstattungen auf wichtige Geschichten der Konkurrenz eingehen. Die Grundregel würde lauten: Je mehr wir uns wünschen, dass eine Geschichte von unserer Redaktion hätte aufgedeckt werden müssen (es aber nicht wurde), desto prominenter würden wir auf die Arbeit der Konkurrenz hinweisen.

17. Wir würden nie lockerlassen, solange eine Geschichte für die örtliche Gemeinschaft wichtig erscheint.

18. Über jede Person und jedes Thema würden wir ein Einführungsdossier anbieten.

19. Wo immer es sinnvoll erscheint, würden wir nicht nur berichten, sondern auch Vorschläge formulieren, wie man sich auf die dargestellten Umstände konkret einstellen kann. Dazu dient jeweils ein Kasten mit der Aufschrift: “Was Sie jetzt tun können”.

20. Wir würden alles tun, um auszuleuchten, welche Personen mit welchen Motiven hinter Wortbeiträgen und hinter angekündigten oder durchgeführten Massnahmen stecken.

21. Risiken werden zutreffend und ehrlich eingeschätzt und eingeordnet. Im Idealfall durch Rückgriff auf statistische Wahrscheinlichkeiten und Vergleiche. Ein existierendes Risiko würde nie größer dargestellt als angemessen ist.

22. Es würden keine Meinungsbeiträge von prominenten Politikern oder Managern veröffentlicht – es sei denn, sie haben sie tatsächlich selbst verfasst.

Sicher werden nicht alle Punkte in der Branche auf breite Zustimmung treffen. Manches in Gillmors Liste gehört sicher auch in die Kategorie “selbstverständlich”.

Und dennoch: Seine Liste liefert Ansatzpunkte, darüber nachzudenken, ob das journalistisch an sich Selbstverständliche in der eigenen Redaktion auch tatsächlich noch selbstverständlich gegeben ist. Und sie liefert Anregungen, was konkret geändert werden kann. Darin liegt ihr eigentlicher Wert.

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