Gegen den Strich gebürstet: Aggregieren soll eine neue Art des Webjournalismus sein

29. Juni 2011


Das Aggregieren von Artikeln aus online zugänglichen Quellen wird in vielen Fachmedien und fachbezogenen Blogs aktuell zu einem neuen journalistischen Arbeitsverfahren erklärt, gar zu einem neuartigen Webjournalismus. Nur: Ist das aber auch wirklich substanziell begründet?

Ich denke nicht. Aus zwei Gründen:

1. Methodisches Aggregieren gab und gibt es im Print- wie im Onlinejournalismus schon seit langer Zeit. Allerdings unter anderen Namen: Hier wie dort hieß das bislang schlicht “Zusammenschreiben von Artikeln” (gemeint: aus Archivquellen) oder auch “kalte Recherche” (gemeint: ohne Gesprächskontakt). Beides hatte und hat mit Blick auf journalistische Qualitätsmaßstäbe – völlig zu Recht – keinen guten Beiklang. Das Aggregieren im Sinne eines Zusammenschreibens von Artikeln aus Archivquellen ohne direkten Kontakt zu Menschen ist jedenfalls definitiv kein neues Phänomen, kein neues journalistisches Verfahren, schon gar kein neuer Journalismus, eher eine Unsitte.

2. Viel wesentlicher ist ein anderer Aspekt: Durch die internettypischen Livetextströme wie Twitter, Facebook und Co. ist ein Bedarf entstanden, live verbreitete Texte oder Textfragmente schnell und effizient festhalten und kuratieren zu können. Der Text-Aggregation wächst im Web also eine neue, eigene Funktion zu.

Mit den entsprechenden technischen Mitteln des Kopierens und Wiedereinfügens kann dem schnellen Wieder-Verschwinden von Tweets und Status-Updates wirkungsvoll begegnet werden. Aggregationsdienste wie Storiful, Storify oder auch Chirpstory setzen genau hier an: Sie ermöglichen es den Nutzern, Textfragmente aus den Textströmen des Webs herauszufiltern, zu dokumentieren, thematisch nach Belieben neu zu kontextualisieren und das Ergebnis dann in spezifischer Artikelform zu republizieren. So bleibt für den bequemen Zugriff erhalten, was sich sonst in den Textströmen verlieren würde.

Das Neue beim Aggregieren ist also nicht der Akt des Aggregierens, sondern die durch das Aggregieren wahrgenommene, kommunikative Funktion. Es geht ums Festhalten und Rekontextualisieren von Text im Web. So lange dieses Aggregieren für die Nutzer klar zu erkennen ist und transparent bleibt, ist dagegen nichts einzuwenden.

publiziert in Online-Textformen
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