Social Media-Lehrstück: Wie eine rassistische Pöbelei unter US-Studenten – beinah – zum nationalen Thema wird

26. Juni 2011


Aus journalistischer Sicht sind Twitter, Facebook, Youtube und Co. vorzügliche Themenseismografen. Auch wenn das vielleicht eine arg eingeengte Sichtweise auf Social-Media-Plattformen ist: Sie erlauben es, live mitzulesen, worüber sich die Menschen in ihren informellen Plaudereien und Haste-schon-gehört-Zirkeln gerade austauschen.

Dies nicht zu nutzen und sich über eventuell aufbauende Themen nicht auf dem Laufenden zu sein, wäre journalistisch unverzeihlich.

Rasant und eigendynamisch
Wie schnell Social-Media-Kommunikationen redaktionell relevant werden und ein lokales Geschehen in die überregionale, nationale oder gar internationale Berichterstattung heben können, zeigt prototypisch ein wohl – leider – eher alltägliches Beispiel aus den USA:

Eine rassistische Pöbelei gegen einen asiatisch-amerikanischen Studenten der Universität Syracuse (New York) wird in wenigen Stunden, buchstäblich über Nacht, beinah zum nationalen Thema. Die Hochschulleitung schrammt in dieser Geschichte knapp an einem PR-Desaster vorbei. Die örtlichen Medien erkennen die Brisanz des Themas zu spät, gewissermaßen erst beim Blick in den Rückspiegel.

Dokumentiert in einem Storify
Caitlin Dewey, Studentin an der Universität Syracuse, hat den Vorgang in einem Storify dokumentiert. Es liefert ein Lehrstück aus dem Medienalltag in Zeiten von Twitter, Facebook und Co. Dies eine Rekonstruktion des Geschehens:

23. Juni 2011, gegen 02.00 Uhr (in der Nacht):
Benjamin Lin, frisch graduierter Student der Syracuse University im Bundesstaat New York, wird von zwei Studenten außerhalb des Universitätsgeländes rassistisch beleidigt. Er filmt den Verbalangriff mit einer Videokamera.

23. Juni 2011, gegen 10.00 Uhr:
Benjamin Lin stellt das Video auf Youtube ein.

24. Juni 2011, zwischen 05.00 bis 07.00 Uhr:
Studierende der Universität diskutieren über das Video auf Twitter und Facebook. Das Video viralisiert sich; die Diskussionen werden als Tweets und Status-Updates sichtbar.

24. Juni 2011, gegen 16.00 Uhr:
Studentin Karen Hor bloggt einen Artikel über die rassistischen Beleidigungen gegen einen Kommilitonen. Sie verweist auf das Video.

24. Juni 2011, gegen 16.00 Uhr:
Benjamin Lin löscht das Video von seinem Youtube-Konto. Es kursieren Gerüchte, die Hochschulleitung habe ihn dazu aufgefordert.

24. Juni 2011, 16.08 Uhr:
Laut Caitlin Dewey versuchen Mitarbeiter der Huffington Post Statements von Studierenden einzuholen. Sie sollen geäußert haben, dass dieser Vorgang ein Thema für die nationale Berichterstattung sein kann.

24. Juni 2011, 16.32 Uhr:
Syracuse Post-Standard Reporter Glenn Coin kontaktet Karen Hor für eine Geschichte.

24. Juni 2011, 17.30 Uhr:
Anthony Rotolo, Social Media-Professor der Universität, äußert sich als erster Mitarbeiter der Hochschule öffentlich zu dem Vorgang. Auf Twitter. Die Verantwortlichen in der Hochschulleitung werden sichtlich von den Vorgängen überrascht: Sie schweigt. Im Web kursieren jetzt Mutmaßungen, der Vorfall solle vertuscht werden.

24. Juni 2011, 17.47 Uhr:
NBC3/CBS5-Producer Chris Shephard kontaktet zuerst Karen Hor und bittet dann SU-Studierende per Twitter um Kommentare. CBS5-Moderator Michael Benny hat kurz zuvor (16.43 Uhr) auf der Website des regionalen TV-Senders CNYCentral über die Vorgänge gebloggt.

24. Juni 2011, 18.35 Uhr:
Social-Media-Professor Rotolo lanciert einen resümierenden Tweet: “The SU video circulating shows Social Media can be used against bullying, too. Give voice, start discussion. Show what hatred looks like.”

24. Juni 2011, 20.20 Uhr:
Universitätssprecher Kevin Quinn meldet sich mit einem kurzen Statement auf Twitter. Im Wortlaut: “We’re aware of the video and are investigating the facts surrounding it. We take matters like this extremely seriously.”

24. Juni 2011, 21.52 Uhr:
Eine Twitterin namens Irina1967 schickt einen Tweet an die Huffington Post-Redaktion, Ressort College:

24. Juni 2011, 22.15 Uhr:
Die Huffington Post-Redaktion kontaktet die Studentin Karen Hor, die als erste über den Vorfall gebloggt hat.

24. Juni 2011, 23.15 Uhr:
Einige SU-Mitarbeiter twittern inoffiziell über die Wirkung, die das Schweigen seitens der Hochschulleitung auf die Studierenden und die breitere Öffentlichkeit entfaltet.

24. Juni 2011, 23.34 Uhr:
Die Hochschulleitung verbreitet folgenden Tweet: “We’re working our hardest to gather the facts and address the situation. We’ll let you know when we have more information.”

25. Juni 2011, 09.06 Uhr:
Im Online-Studierendenmagazin The Daily Orange erscheint ein Artikel mit dem Titel: “Incident involving racial remarks against Asian Americans resolved”. Darin wird bestätigt, dass Lin gemeinsam mit der Public Safety-Abteilung der Universität eine Erklärung abgegeben hat und den Vorfall als “erledigt” betrachtet. Die in dem Video gezeigten Männer hätten sich bei ihm für die Beleidigungen entschuldigt.

25. Juni 2011, 15.38 Uhr:
Der zuständige Dekan gibt über die Pressestelle eine schriftliche Erklärung ab. Darin fasst er das zusammen, was über Twitter, Blogs, Online-Studierendenmagazin und lokale wie überregionale Medien bereits bekannt ist.

25. Juni 2011, 16.10 Uhr:
Auf der Website der örtlichen Tageszeitung The Post-Standard erscheint ein Artikel mit der Überschrift: “Syracuse University students face discipline after they were caught shouting racial slurs”. Autor Glenn Coin fasst darin zusammen, was über Twitter, Blogs, Online-Studierendenmagazin und andere Medien bereits bekannt ist.

Epilog
Der Fall steht beispielhaft für das eigendynamische Verbundensein informeller und formeller Kommunikation in digitalen Netzen. Professionelle Kommunikatoren in der PR wie im Journalismus stehen hier vor Herausforderungen ganz eigener Art. Zum Schluss stellt sich vor allem diese eine Frage: Was wäre wohl geschehen, wenn Benjamin Lin das Video nicht vom Netz genommen hätte?

Weiterführende Links:

Das Storify von Caitlin Dewey

publiziert in Medienmarkt
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