Der TfW-Praxistipp: So arbeiten Sie mit dem Substantiv-Hammer

31. August 2011

In einer Workshop-Redaktionskonferenz habe ich kürzlich eine junge Schreiberin gefragt, warum sie in ihren Artikeln so gern und oft zu Substantiven greift, vor allem zu solchen aus der Substantivierungskiste. In ihrem Übungsartikel wimmelte es vor Wörtern wie “Inbetriebnahme”, “Berücksichtigung” oder “Energieerzeugung”.

Sie gab mir eine entwaffnend ehrliche Antwort: “Ich finde, das klingt irgendwie schlauer.”

Beim Lesen in Büchern, Zeitungen und auf Websites ist mir dann jüngst aufgefallen, dass sie mit dieser Meinung selbst unter Profis wohl nicht ganz alleine dasteht. Da können unsere deutschsprachigen Sprachpäpste sich also noch so sehr mühen – alle Aufrufe, den Nominalstil unter Strafe zu stellen, scheinen vergeblich. In einem Buch zum Thema Web 2.0 beispielsweise formuliert der Autor den folgenden Satz:

Aber im Sozialen Netz (sic) steckt weitaus mehr: Es birgt beachtliche Potenziale zur Verbesserung der Interaktion mit den Lesern, Hörern und Zuschauern, zur internen Information und Kommunikation sowie zu Verbesserung von Zusammenarbeit, Kommunikation und Wissensmanagement in den Redaktionen und Medienunternehmen.

Wie bitte?

Für meine Begriffe klingt das unnötig gestelzt. Das grundlegende Problem mit Sätzen dieser Art ist, dass sie die Leser ins Abstrakte schicken, sie vernebeln den Sinn. Der Autor hat beim Schreiben – vielleicht – zwar irgendetwas Konkretes vor Augen gehabt, die 14 verwendeten Substantive im zweiten Satz verstellen aber leider den Blick darauf. Auch wenn ich natürlich im Einzelnen nicht weiß, was genau der Autor mit seinem Satz sagen wollte, er hätte es klarer sagen können. Etwa so:

Aber im sozialen Netz steckt weitaus mehr Potenzial: Es animiert die Leser, Hörer und Zuschauer dazu mitzumachen. Es intensiviert und beschleunigt die wechselseitige Information zwischen den Kolleginnen und Kollegen in der Redaktion. Und es erlaubt jedem Mitarbeiter in jedem Moment, auf genau jene Informationen zuzugreifen, die gerade benötigt werden.

Klingt diese Variante jetzt wirklich dümmer als der Originalsatz? Ich finde nicht.

Mein Tipp: In jeden Schreibwerkzeugkasten gehört ein Hammer zum Zertrümmern überflüssiger Substantive.

Wann immer sich zu viele Substantive in einen Satz schleichen wollen, nehmen sie diesen Hammer in die Hand und hauen sie drauf auf jedes überflüssige Substantiv. Feste! Und denken Sie daran: Vor allem Substantivierungen sind ein Graus, weil sie nichts anderes sind als Gefängnisse für frische und fröhliche Verben.

In “Energieerzeugung” beispielsweise steckt das Verb “erzeugen”, in “Inbetriebnahme” vielleicht “starten”, in “Berücksichtigung” ein “berücksichtigen”. Zertrümmern sie also die Substantivierungsmauern, befreien Sie die Verben aus ihren Kerkern und nehmen Sie sie auf in ihre Sätze. Sie werden sehen: Je weniger Substantive verwendet werden, desto klarer wirken die Sätze. Oder klingt es nun immer noch schlauer, wenn ich formuliere: Die Reduzierung der Anzahl der Substantive im Satzbau bedingt regelmäßig die Klarstellung in Bezug auf die mit einem Satz zu vermittelnde Aussage?

publiziert in Die TfW-Praxistipps
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