Augmented Reality in Printmedien: Blattkritik zur AR-Ausgabe des Stern
1. September 2011
Nicht mit Pauken, aber mit Trompete: die Stern-AR-Ausgabe
Experimente mit Augmented Reality-Inhalt gab es in Zeitschriften oder Zeitungen in jüngster Zeit schon einige.
Manchmal wirkten die virtuellen Print-Ergänzungen schon ganz gelungen (etwa im Magazin der Süddeutschen Zeitung), manchmal aber waren sie inhaltlich wie funktional auch völlig indiskutabel (wie im Welt der Wunder-Magazin).
Für manchen mag AR ohnehin eher Marketing-Schnickschnack sein und gewiss ist das Handling der Apps für viele Nutzer meist noch sehr frimelig. Aus meiner Sicht ist AR perspektivisch jedoch durchaus nützlich, um die Medienkluft zwischen Print und Online – wenn auch eher punktuell und für bestimmte Zielgruppen – zu überbrücken.
AR für Blattmacher
Die Logik hinter den AR-Experimenten ist in jedem Fall immer mit dem verbunden, was seit eh und je für Blattmacher zu den Standardaufgaben zählt: Es geht um Leserkontakt und Lektüre-Einstieg. Nicht anders als mit Infografiken, Meldungsspalten, Serienthemen oder Sudoku-Aufgaben wird auch mit AR versucht, Kontakt zu potenziellen Leserinnen und Lesern anzubahnen und diesen Kontakt möglichst zu verstetigen.
Jetzt also ist es die Redaktion des Stern, die eine AR-Ausgabe in die Kioske bringt, rechtzeitig zur IFA, rechtzeitig vor dem 10. Jahrestag der 09/11-Terroranschläge auf das World Trade Center in Manhattan. Alles in allem liefert sie ein ordentliches Beispiel für den Einsatz dieser Technologie. Einige Dinge überzeugen, bei anderen zwickt und zwackt es allerdings noch gewaltig.
Die Blattkritik in Beispielen
In diesem Blogpost zeige ich 3 ausgewählte Beispiele (von insgesamt 9 Komponenten) aus der Stern-AR-Ausgabe. Ich gehe auf Aspekte ein, die im Sinne einer optimalen User Experience als modellhaft und nachahmenswert eingeschätzt werden können. Und es wird auf Dinge hingewiesen, die für ein angenehmes Benutzen nicht wirklich überzeugend umgesetzt sind:
1. Titelseite

Gleich auf der Titelseite der AR-Ausgabe zeigt ein AR-Marker an: Hier versteckt sich die erste AR-Komponente. Sie startet, wenn die Smartphone-Kamera wesentliche Layoutkomponenten erfasst. “Die App reagiert auf die wichtigsten Bilder des Layouts”, so erklären es jedenfalls die Bedienhinweise im Heft.
Wer das ausprobiert, stellt fest: Es stimmt nicht. Jedenfalls startete die AR-Komponente in meinem Test nur dann, wenn die Titelseite vollständig im Display zu sehen war. Die Titelseiten-AR zeigt dann ein wachsendes Stern-Logo und aus dem Stern springen nach ein paar Augenblicken kleine Bildsymbole, die die Haupt-AR-Angebote des Heftes ankündigen sollen. Das Ganze hat also die Funktion eines AR-Inhaltsverzeichnisses.
Unschön: Die Symbolbeschriftungen sind fast komplett unleserlich, weil sie nur aus der Vogelperspektive zu sehen sind. Wer sein Smartphone dreht, um die Textchen auf dem Monitor besser sehen zu können, verliert den Kamera-Kontakt zum AR-Marker und die Animation schaltet sich aus. Auch im zehnten Anlauf ist das immer das gleiche Spiel.
2. Leserbriefseite

Die Erkenntnis ist zwar immer noch nicht in alle Redaktionen vorgedrungen, aber in unseren Web 2.0-Zeiten will das Publikum mitwirken, mitgestalten, Meinung kundtun, und zwar möglichst schnell und möglichst unmittelbar. LeserInnen erwarten heute Feedbackfeedback, also Rückmeldung auf ihre Rückmeldung. Der Stern kann in diesem Punkt mit Fug und Recht behaupten: “Wir haben verstanden!” Die statische, weil gedruckte Leserbriefseite führt per AR-App direkt auf eine dynamisch aktualisierte Facebook-lookalike-Kommentarseite. Und die Macher mischen mit. Alles in Echtzeit, ein gutes Modell.
3. Titelgeschichte

In der Titelgeschichte geht es um die Ereignisse des 11. September 2001. Eine Teilgeschichte der Titelstrecke zeigt mehrere Miniporträts von Opfern und ihren hinterbliebenen Angehörigen als kurztextbegleitete Fotostrecke. In seitenfüllenden Fotos sind Artefakte zu sehen, die nach den Anschlägen aus den Trümmer am Ground Zero geborgen wurden, beispielsweise der zerschmolzene Helm eines Feuerwehrmannes, der Ehering einer Frau oder ein Paar Sandalen einer Stewardess. Alle Überreste erzählen eine Geschichte, wiedergegeben in einem kurzen Text als Zusammenfassung aus Interviews. Was die Porträtfotos nur unzureichend anbieten können, sind authentische Eindrücke von den interviewten Hinterbliebenen, ihre Stimmen, ihre Gesichter, ihre Augen im Moment des Erinnerns. Per AR-Link auf entsprechende Interviewvideos sind diese Eindrücke printergänzend zugänglich. Das ist ebenso unspektakulär wie dramaturgisch angemessen – so geht transmediales Erzählen quer über die Print-Online-Kluft.
Das brauchen Sie zum Selber-Anschauen
Um die AR-Komponenten abrufen zu können, benötigen Sie zuerst eine Stern-AR-App, die es für die iOS- und für die Android-Plattform gibt. Wer sie auf seinem Smartphone installiert hat, braucht nur noch seine Kamera auf eine Seite mit AR-Marker (ein kleines Smartphone-Symbol mit dem Stern-Logo) zu halten und die jeweilige AR-Komponente wird auf dem Handy-Bildschirm angezeigt.
In diesem Video können Sie sich anschauen, wie es funktioniert:
Für alle, die kein Smartphone besitzen: Hier finden Sie sämtliche AR-Komponenten als Videos.
Weiterführende Links
Augmented Reality in Printmedien: Bloß nicht!









