Storytelling-Inspirationen: Symbolia ist das erste Magazin für grafischen Journalismus

22. Dezember 2012

Comicjournalistische Arbeiten gibt es inzwischen auf vielen Websites. Was bislang allerdings fehlte, war ein Magazin für gezeichnete journalistische Formen.

Diese Lücke ist jetzt geschlossen: Symbolia ist das erste Magazin für grafischen Journalismus. Die Erstausgabe erschien Anfang Dezember 2012 in Apples App-Store, ist allerdings auch als E-Paper erhältlich. Preis: 10,99 Euro für ein Jahr (nur im Abo).

Drin stecken fünf illustrierte Geschichten zum Dachthema “Wie wir überleben”:

- “Sea Change” schildert, warum der kalifornische Salton See bald eine ökologische Katastrophe erleben wird.
- “Secret Species” ergründet, warum die Evolution im Kongo-Delta den Turbo einschaltet.
- “Live Long, Die Quick” führt in den menschlichen Magen-Darm-Trakt und verrät, was das mikrobische Treiben in uns mit dem Schlank-Bleiben zu tun hat.
- “The Rollerbladers of Sulaymaniyah” bietet unerwartete Kontraste auf Reisen durch den kurdischen Irak.
- “Ask Me About Psych Rock In Zambia” ist eine musikalische Zeitreise zurück ins Sambia der 70er Jahre.

Die Comic-Texte sind handwerklich insgesamt durchaus überzeugend umgesetzt und meist auch mit Audios verfeinert. Allerdings gibt es im Detail auch Dinge, die durchdachter aufbereitet werden könnten. Zum Beispiel lässt sich sicher darüber streiten, ob es angemessen ist, die endemischen Fischarten in “Secret Species” nur gezeichnet zu zeigen – da würde ich schon gern ein Foto haben, um sie genauer betrachten zu können. Trotzdem: Symbolia ist frisch und mehr als nur einen Blick wert.

Die Frage “Warum das Ganze?” beantworten die Macherinnen übrigens auf ihrem Blog – ganz formgetreu als Comic. Das sieht dann so aus:

Weiterführende Links

Graphic Journalism: Gezeichnete Reportagen – nicht nur für junge Leser

Grafischer Journalismus: Comic-Reportage “Auszüge aus Ägypten”

Wie Sie das Snowfall-Layout der New York Times auf Ihre Site bringen

21. Dezember 2012


Textdesign im Web ist Monokultur: Artikelseiten auf journalistischen Websites sehen heute in den allermeisten Fällen immer noch so aus wie vor 15 Jahren – eine Hauptspalte für den Text in der Seitenmitte, ein paar ergänzende Videos, Grafiken oder Audios in den Marginalien und drumherum ein bunt-blinkendes Potpourri unterschiedlichster Services. So war das von Anfang an und so ist das auch heute noch. Selbst die aufregendsten Ausnahmen bestätigen die Regel.

Die Gründe für diese designerische Bankrott-Erklärung sind in den Online-Redaktionen allen voll bewusst: Die Content-Managementsysteme setzen textdesignerischen Kreativ-Ideen allerengste Grenzen. Variation ist nicht vorgesehen. Wer es trotzdem anpackt und nonkonforme Seitenlayouts umsetzt, muss seine Templates händisch entwickeln oder anpassen – ein Aufwand, der für die redaktionelle Tagesproduktion meist zu groß erscheint und in aller Regel auch wirtschaftlich nicht zu rechtfertigen ist. An Snow Fall, so wird kolportiert, haben 11 Mitarbeiter sechs Monate lang gearbeitet – für jede Normal-Redaktion ein unvorstellbarer Aufwand.

Die Nutzer dürsten nach frischem Textdesign
Wie sehr es die Nutzerinnen und Nutzer allerdings nach lesefreundlicheren und variantenreicheren Seitenlayouts dürstet, zeigt sich momentan in den überschwänglichen Reaktionen auf eine Web-Reportage der New York Times: Unter dem Titel “Snow Fall: The Avalanche at Tunnel Creek” werden dort die Erlebnisse lawinenverschütterter Ski-Fahrer geschildert – und das in einem ganz wunderbaren Textdesign.

Die Reaktionen zu “Snow Fall” auf Twitter.

Hier gleich von der Zukunft des Erzählens zu sprechen, ist wohl etwas übertrieben euphorisch. Gelungen ist die Reportage aber auf jeden Fall (übrigens nicht nur optisch).

Das wirklich Besondere an diesem Textlayout ist: Es bindet die multimedialen Komponenten konsequent in den Text-Lesefluss ein. Steve Duenes, Grafikdirektor der New York Times, sagt dazu auf Poynter.org: “Unser Ziel war es einen Erzählweg zu konstruieren, der keine multimedialen Umwege enthält. Die Leser sollen die Geschichte narrativ flüssig erleben.” Vor allem das lesestörende Hin-und-Her zwischen Text- und Multimedia-Rezeption soll mit diesem Layoutmuster vermieden werden:

“Our hope is that there’s some amount of surprise but that this feels kind of natural,” Duenes said. “That it doesn’t seem like a puzzle or something that has to be figured out, but as you read it just makes sense. … The experience sort of absorbs you. That was really the intention — to try to get closer to a seamless and coherent article that included all of the elements that made the article strong.”

Wer die Geschichte liest, kann nur feststellen: Das Ziel ist weitgehend erreicht.

Eigene Experimente mit Github
Ähnliche Ansätze gab und gibt es zwar durchaus, zuletzt beispielsweise hat die Wirtschaftswebsite Quartz mit tablettigen Seitenlayouts zumindest in der Fachwelt für Aufsehen gesorgt. Ähnliches gilt für The Long, Strange Trip of Dock Ellis auf ESPN. Und wer ganz weit zurückschaut, kann zum Beispiel auch Verwandtschaften zur “28Seconds”-Geschichte der St.Petersburg Times über ein Flugzeug-Unglück erkennen. Trotzdem: So schlüssig und überzeugend wie in “Snow Fall” sind Text und Multimedia-Komponenten bislang selten miteinander verknüpft worden. Dies ist Webtextdesign aus einem Guss und kein simples Zusammenklatschen unterschiedlicher Medienmodi.

Zu begrüßen wäre natürlich, wenn das Snow Fall-Modell künftig für die besonderen Geschichten nicht nur bei den ganz großen Websites wie der New York Times Schule machte, sondern auch auf kleineren Sites für längere Geschichten zum Einsatz käme. Schließlich steht der Online-Journalismus auch deshalb nicht in allerbestem Ruf, weil er zuweilen einfach schlecht aussieht. Multimedia-Vordenker Julius Tröger hat in seiner Twitter-Reaktion zur New York-Times-Geschichte bereits darauf hingewiesen, dass es für eigene Formen-Experimente entsprechende Online-Tools gibt, zum Beispiel Github. Also los.

Update
Von Julius Tröger kommt gerade noch ein weiteres Beispiel für diese sogenannten Parallax-Scrolling-Layouts, angeboten vom Guardian. Besten Dank für den Link-Tipp!

The Atlantic Wire: Interview mit den Snow Fall-Layoutern Steve Duenes und Andrew Keuneman

The Atlantic Wire: ‘Snow Fall’ isn’t the Future of Journalism

Snow Fall als Video (10 min)

FTD, FR & Co.: Die Zukunft des Journalismus ist – der Journalismus

22. November 2012

Wer heute einen ausführlicheren Blick auf die Auslagen und Aufsteller seines Leib-und Magen-Kiosk geworfen hat, konnte als Eindruck mitnehmen, die letzte Stunde des Zeitungsjournalismus habe geschlagen.

Die ZEIT titelte “Zeitungen unter Druck” und hatte serviceorientiert auch gleich einen weiterdrehenden Ratgeber parat: “Wie guter Journalismus überleben kann”. Am Seitenkopf der Financial Times weinte ein “Es ist zum Heulen – wie Leser auf das drohende Ende der FTD reagieren”. Und das Handelsblatt bejubelte im Aufmacher sein eigenes Erscheinen mit einem trotzig-paroligen “Die Zeitung lebt!”. Ein echter Steingart.

Fakt ist in der Tat: Die Aussichten für viele, vor allem für kleinere Zeitungstitel sind düster, der Strukturwandel ist in vollem Gange.

Fakt ist aber auch: Die wirtschaftlichen Probleme vieler Zeitungen sind zum größeren Teil hausgemacht. In den Entscheider-Etagen fehlte es lange Zeit fast überall am Mut, einzugestehen, dass das über viele Jahrzehnte lukrative Geschäftsmodell der Zeitung als Zwei-Märkte-Produkt neu interpretiert und umgestaltet werden muss.

Die Herausforderung
Mit dem Aufkommen des Internet zerbröselte den Verlagen zunächst die überaus einkömmliche Monopolistenrente: Auf einmal standen die Anzeigenpreise unter massivem Wettbewerbsdruck, Medialeistung wurde transparenter, Streuverluste konnten gezielter vermieden werden – und die Werbekunden lernten schnell, dass sie im Web für das gleiche Geld in vielen Fällen punktgenauer zum Kunden gelangen als mit der Zeitung. Das ist nach wie vor der Kern.

Betroffen war von Anfang an aber auch der Lesermarkt. Im Web wurden nicht nur die Medialeistungen vergleichbar, sondern auch die redaktionellen Leistungen. Nicht selten entlarvte sich vermeintliche Recherche beim Websurfen als das überall gleiche Material zuliefernder Nachrichtenagenturen, im schlechteren Fall gar als kaum verhohlen durchgereichter PR-Stoff. Ein derart hartes Schlaglicht auf journalistisches Schaffen hatte es in der analogen Welt so nicht gegeben.

In den Kommentarzonen vieler online veröffentlichter Artikel zum aktuellen Zeitungssterben ist auch aktuell wieder spürbar, dass nicht wenige Leserinnen und Leser mit der journalistischen Qualität ihrer lokalen Blätter unzufrieden sind, ob jung oder alt. Man kann das natürlich als trolliges Gewäsch abtun. Es wäre aber ein Fehler: Analytisch betrachtet ist die Tageszeitung als Gattung sui generis gegenüber dem Web in vielen Fällen im funktionalen Nachteil. Die andauernde und gerade wieder aufgeflammte Debatte über die Sinnhaftigkeit der journalistischen Standardformen “Meldung” und “Bericht” ist dafür nur ein Beleg unter vielen. Auch gilt die Zeitung in jüngeren Altersgruppen längst als “Newsletter von gestern” – bereits veraltet, wenn sie morgens druckfrisch im Briefkasten der Eltern liegt.

Bangemachen ist trotzdem nicht angesagt: Professioneller Journalismus wird in komplexen Gesellschaften zweifellos ein nachgefragtes Gut bleiben. Ob er künftig aber auch weiterhin von Redaktionen angeboten werden wird, deren Rechercheleistung heute auf bedrucktem Papier nachzulesen ist, bleibt offen.

Das Pflichtenheft
Möglich ist es sehr wohl: Es braucht dazu ein wahrnehmbares Plus gegenüber den Wettbewerbern, das sich vor allem in entschieden verfochtener journalistischer Unabhängigkeit formuliert. Es braucht die Bereitschaft zum Leserkontakt auf Augenhöhe. Es braucht konkrete Investitionen in Recherche und Personal. Es braucht eine Attraktivität für junge Leute. Und es braucht den Umbau zum Crossmedium, das seinen Rezipienten nicht nur morgens am Postkasten oder Briefschlitz begegnet, sondern im Tagesverlauf fortgesetzt überall dort, wo es gerade dienlich erscheint. Die redaktionelle Leistung hat sich anzuschmiegen an die tageszeitlichen Informationsbedürfnisse der Leserinnen und Leser, inhaltlich und in den Formen. So einiges ist in den vergangenen 15 Jahren liegengeblieben.

Der Überlebensratgeber, den die ZEIT-Redaktion in O-Tönen “Deutschlands wichtigster Medienmacher” zusammengetragen hat, wiederholt denn auch nur, was längst bekannt ist. Am besten auf den Punkt bringt es Steffen Klusmann, Chefredakteur der bald nicht mehr erscheinenden FTD. Ausgerechnet. Auf die Frage: “Wie kann guter Journalismus überleben?” antwortet er: “Er muss unabhängig und glaubwürdig bleiben und seine Leser überzeugen.” Auch für ihn klebt die Zukunft des Journalismus ganz offenkundig nicht am Papier. Die Zukunft des Journalismus ist der Journalismus.

Das Schicksal von Frankfurter Rundschau und Financial Times Deutschland lassen keinen Zweifel zu: Es wird jetzt wirklich Zeit.

Crossmediales Storytelling: Was genau ist das eigentlich?

7. November 2012

„Cross… – was?“ – wird heute zwar nicht mehr zurückgefragt, wenn von “crossmedialem Storytelling” oder “Crossmedia” die Rede ist. Schließlich gibt es den Terminus dann doch schon ein paar Jährchen. Wirklich eindeutig konturiert ist der Begriff aber bis heute nicht: In Barcamps wird crossmediales Storytelling neuerdings von manchem feinsäuberlich von transmedialem Storytelling getrennt, anderen gilt beides als synonym, wieder andere jonglieren flott mit filigranen Unterschieden zum hypermedialen Storytelling. Ja, was denn nun?

Sicher ist: Abseits aller Nomenklatur-Wirren existiert konzeptuell für Crossmedia ein unstrittiger Kern. Der sieht so aus: Hier gibt es Inhalte – in Form von Schrift, Foto, Grafik, Ton und als Bewegtbild. Dort gibt es unterschiedliche Ausspielkanäle – von Print und Website, über App und Newsletter, OnAir und Podcast, bis zu Twitter und Facebook.

Erzählen im Mashup-Medium
Die digitale Computertechnik erlaubt es inzwischen, zumindest prinzipiell, alle diese Inhalte beliebig miteinander zu verknüpfen und die Mischungen auf jeden einzelnen Ausspielkanal passgenau zuzuschneiden. Im Web-Jargon heißt das dann Inhalte „mashen“.

Grundsätzlich gibt es also unzählige Erzähl-Optionen. Um den Begriff „crossmediales Storytelling“ für die redaktionelle Praxis klarer zu fassen, erscheinen drei dieser Optionen wesentlich. Dazu die folgenden fiktiven Beispiele für eine crossmedial arbeitende Zeitungsredaktion:

1. Beispiel: Zum Thema „Van der Vaart kehrt zum HSV zurück“ gibt es einen aktuellen schriftlichen Bericht inklusive Video-Interview, publiziert auf einer Website-Seite. Ein Inhalt wird also innerhalb eines Ausspielkanals (Website) mit unterschiedlichen Medienmodi (Schrift und Bewegtbild) erzählt. Das ist dann multimediales Erzählen.

2. Beispiel: Zum Thema „Van der Vaart kehrt zum HSV zurück“ gibt es in der aktuellen Zeitungsausgabe ein verschriftliches Interview. Und auf einer Website-Seite gibt es das inhaltlich identische Interview als Video. Ein Inhalt wird hier in mehreren Ausspielkanälen in je unterschiedlichem Medienmodus wiederholt. Das ist dann Mehrfachverwertung.

3. Beispiel: Zum Thema „Van der Vaart kehrt zum HSV zurück“ gibt es eine fortgesetzte Berichterstattung über mehrere Ausspielkanäle. Das Szenario sieht so aus: Van der Vaart trifft am Hamburger Flughafen ein. Von dort gibt es vom VJ einen Live-Videostream, eingebunden in eine Vorberichtseite auf der Website. Parallel werden Tweets von van der Vaart-Fans als Twitter-Wall in diese Vorberichtseite eingebunden. Auf dieser „dreikomponentigen“ Webseite (Vorbericht plus Livevideo plus Twitterwall) wird hingewiesen auf zwei nachfolgende Berichterstattungen: auf eine Pressekonferenz am Mittag, die ebenfalls per Live-Videostream auf der Website verfolgt werden kann, und auf das große Exklusiv-Interview mit van der Vaart, das in der nächsten Print-Ausgabe erscheint. Das ist dann im engeren Sinne crossmediales Storytelling.

Crossmediales Storytelling ist also schlicht ein medienübergreifendes Erzählen. Mikro-Stories werden über die Medienklüfte hinweg zu Makro-Stories verknüpft. Handwerklich kommt es darauf an, für jeden bespielten Kontaktpunkt – inhaltlich und rezipientenorientiert – die jeweils angemessenen Medienmodi einzusetzen. Jede abgeschlossene Mikro-Story kann dabei für sich stehen, ist gleichzeitig aber auch immer Teil des Plots der umfassenderen Makro-Story.

Dramaturgisch muss eine crossmediale Makro-Story dabei weder zwingend linear (wie in Beispiel 3) noch zwingend nonlinear angelegt sein; sie ist ein frei strukturierbarer Textraum. Mit einer Ausnahme: Schlichtes Wiederverwerten ist kein crossmediales Storytelling.

Und worin liegt der Unterschied zum transmedialen Storytelling? Das bleibt eine schwierig zu beantwortende Frage. Ein klares Nebeneinander dieser Konzepte gibt es nicht, dafür reichlich Schnittmengen. Im Grunde kann transmediales Storytelling – im Sinne der Definition des Begriffsschöpfers Henry Jenkins – als Synonym verstanden werden. Gleichzeitig erscheint es aber durchaus auch als die nonlineare Variante des crossmedialen Storytellings, jedenfalls sofern das Transmedia Manifest, verfasst auf der Frankfurter Buchmesse 2011, als gültig unterstellt wird. Dort heißt es:

The experiencer no longer follows one dramatic thread but chooses among several intersecting storylines, which merge into a single story-universe.

So oder so: Journalistisches Erzählen wird im Mashup-Medium extrem flexibel, extrem variantenreich – und auf allen Ebenen deutlich komplexer, in den Formen, in der Planung, in den Produktionsabläufen, in der Technik. Die klassischen Darstellungsformen – von der Meldung bis zur Reportage – betten sich ein in ein Universum neuer Erzählmöglichkeiten, multimediales Erzählen wird für Crossmedia zur Grundbedingung. Die redaktionelle Planung sieht sich vor neuen Anforderungen und muss beispielsweise frühzeitig vermittlungskompetent festlegen, für welche Themen ein erhöhter Aufwand gerechtfertigt ist. Die Technik wiederum muss all das gedacht Mögliche ganz faktisch ermöglichen und verlangt nach passenden CMS. Und dann braucht es natürlich auch noch die Menschen, die all dies verstehen und zu leisten im Stande sind.

Weiterführende Links

Alle Blogposts zum Thema “Storytelling” auf diesem Blog

Was Content Marketing für die Medienbranche bedeutet

1. November 2012


Felix Baumgartners überschallschneller Rekordsprung aus der Stratosphäre hat es noch einmal deutlich gezeigt: Die schöne alte Ordnung der analogen Medienwelt ist unwiderruflich dahin. In der Prä-Web-Ära gab es hier den Journalismus, dort die PR, hier die Journalisten, dort das Publikum, hier die Unternehmen, dort die Redaktionen. Und fürs Weltall war die NASA zuständig.

Heute ist es schwierig geworden, die Medien-Dinge so säuberlich zu sortieren: Journalistische Verlagshäuser produzieren schon seit langer Zeit Kundenzeitschriften und Mitarbeiterzeitungen im Unternehmensauftrag. Leserinnen und Leser betreiben – auch im Sinne journalistischer Standards – absolut professionelle Websites. Und Unternehmen wie Redbull verstehen sich selbst als crossmedial publizierende Medienhäuser – firmeneigene TV-Sender, Print-Redaktionen und App-Produktionsteams inklusive. Die Grenzen verschwimmen. Es ist Mash-Zeit in der Medienbranche. Oder wie es in der Journalistik heißt: Es ist die Zeit der Medien-Entgrenzungen.

Content schafft Buzz
Eine der jüngeren Entgrenzungserscheinungen im Medienbusiness ist das Content Marketing, gelegentlich auch Marken-Journalismus genannt: Unternehmen produzieren quasi-journalistische Inhalte in Eigenregie, machen sich als Ratgeber-Instanzen, redaktionell unterfütterte Social-Media-Plattformen oder hippe Lifestyle-Trendguides nicht nur für ihre Stammkunden unentbehrlich, sondern generieren Medienreichweite und Buzz (Empfehlungen) und konkurrieren in digitalen Medien ganz direkt mit originär journalistischen Angeboten.

Der Auslöser dieses Trends ist eine simple Beobachtung aus dem Marketing: In entwickelten Märkten wird längst nicht mehr allein über Qualität verkauft, sondern ganz wesentlich über „Stories“. Brause-Hersteller Redbull beispielsweise inszeniert Trendsportarten auf Top-Niveau und berichtet über seine Events in bildgewaltigen Formaten quer über die gesamte Medienkette, alles produziert im firmeneigenen Red Bull Media House. American Express stellt sich mit seiner Ratgeber-Website „Open-Forum“ als redaktionell kompetenter Partner kleiner und mittlerer Unternehmen im Business Development auf und Lebensmittelgigant General Mills entwickelt mit Tablespoon eine perfekt gepflegte Social Media-Plattform für Kochrezepte.

Der Sportschuh als philosophisches Statement
Es gilt der Grundsatz: Wer seine Kunden gezielt mit mitreißenden oder nutzwertigen Inhalten anzusprechen versteht, ist im Vorteil gegenüber seinen Wettbewerbern. Produkte werden deshalb durch passende Story-Linien mit gefühligen Eigenschaften aufgeladen. Der Sportschuh wird zum philosophischen Statement, die Brause zum Mitgliedsausweis fürs Surfer- oder Snowboarder-Milieu, die Kreditkarte zum Business-Angel-Kontakt. Storytelling ist der Schlüsselfaktor.

Auch in Deutschland ist dieser Mechanismus verstanden, hier und da jedenfalls, auch hierzulande bricht sich der Trend zum Quasi-Journalismus langsam Bahn. Sichtbarstes Zeichen: In den Kommunikationsabteilungen vieler Unternehmen werden die Budgets umgeschichtet, weg von der klassischen Werbung, hin in Richtung Content Marketing, so jedenfalls ist es nachzulesen in Branchenblättern wie Kress oder Horizont. Für Rainer Burkhardt von Kircher Burkhardt setzt sich in den Unternehmen die Erkenntnis durch, „dass werbliche Inhalte in digitalen Medien nicht richtig funktionieren und man mit redaktionellen Inhalten sehr viel weiter kommt.“

Mehr Nachfrage nach journalistischer Kompetenz
Wenn sich also Unternehmen künftig – mindestens partiell – als Medienhäuser verstehen und sich stärker journalistisch profilieren, dann bedeutet das weitreichende Konsequenzen für den gesamten Medienmarkt, für Werbe-Agenturen, für PR-Agenturen, für Printmedienhäuser – um nur einige zu nennen. Corporate Publishing-Agenturen mit ausgewiesener Print-Expertise wie beispielsweise Kircher-Burkhardt verlängern ihre Leistungs-Portfolios schon jetzt ganz flott ins Digitale. PR-Agenturen könnten tendenziell überflüssig werden und fragen sich, ob sie intern überhaupt über die erforderlichen journalistischen Kompetenzen verfügen, um ihr Leistungsspektrum rasch anpassen zu können. Für Printmedienhäuser schwindet womöglich erneut Werbevolumen und es erwächst ihnen im Web zusätzliche Angebotskonkurrenz. Aber vor allem: Tendenziell steigt im Medienmarkt die Nachfrage nach journalistischen Vermittlungsfertigkeiten. Minderbezahlte Jungredakteurinnen und Jungredakteure dürften das vermutlich mit Interesse registrieren.

In eigener Sache: Medienkontor Heijnk prüft und optimiert Ihre Content Marketing Strategie.

Update, 20.12.2012
Im Februar 2013 erscheint von mir im dpunkt-Verlag (Heidelberg) der “Leitfaden Content Marketing”.

S. 1 v. 212



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