Die Immer-Mehrismus-Pest: Ein Armutszeugnis für die Nachrichtensprache

24. Oktober 2011

14.00 Uhr: Höre nebenbei gerade die Tagesschau.

Die erste Meldung: Erdbeben in der Türkei.

Die Sprecherin sagt dazu an: “Nach dem Erdbeben in der Türkei gibt es immer weitere Tote.”

Dann die Nachricht im Film.

Der Off-Sprecher sagt: “Überlebende zu finden wird immer unwahrscheinlicher.”

Schauen Sie hier: Es ist eine echte Pest.

Mein Therapie-Vorschlag für jede Redaktion: Für jeden Aufhänger und jeden Satz mit “immer” gehen fünf Euro in ein Redaktionssparschwein und am Jahresende geht das Geld an einen guten Zweck.

- Update (04.11.11) -

Keine Regel ohne Ausnahme: Auf der Startseite der Wirtschaftswoche-Website habe ich gerade das Wörtchen “immer” in einem Vorspannsatz gelesen und der Satz klingt dennoch nicht abgedroschen. Zitat:

In drei Minuten zum Traumjob

Bewerbungsgespräche per Skype oder eine „Seite Drei“ –Trends und Moden spielen bei der erfolgreichen Stellensuche immer eine wichtige Rolle. Dabei hat nur derjenige Bewerber eine Chance, der die Grundlagen beherrscht.

Der Unterschied in der Wirkung lässt sich erklären: Abgedroschen wirkt ein “immer” regelmäßig dann, wenn es an einen Komparativ geknüpft ist – einfach, weil es zu oft zu lesen oder zu hören ist. Steht das “immer” aber ohne Komparativ, dann behält es seine ursprüngliche Kraft.

Neues für den Floskelmülleimer

14. Juni 2011


Mit Schrecken habe ich kürzlich festgestellt, dass Sie, liebe Leserinnen und Leser, bislang exakt null Floskeln in den TfW-Floskelmülleimer gesteckt haben.

Das sagt mir vor allem eines: Ihr Lesestoff scheint perfekt zu sein. Und: Ich bin wohl weiter an der Reihe.

Hier kommen deshalb aktuelle Fundstücke. Sie stammen aus einer studentischen Abschlussarbeit, die ich gerade heute auf dem Tisch hatte. Darin steht zum Beispiel:

(…) die jüngere Generation nimmt davon immer mehr Abstand.

Der Autor will vermutlich nur sagen: Junge Leute interessiert das nicht. Warum dann aber so gestelzt?

Tipp: Formulieren Sie in einfachen, klaren Sätzen.

Einige Zeilen später ist dieser Satzanfang zu lesen:

Aufgrund dieses Fundes (…)

Mit einem solchen Einstieg kann ein Satz eigentlich nur auf Grund laufen. So ist es dann auch:

Aufgrund dieses Fundes und vorher entdeckter Figuren, die entstellte und verunstaltete Menschen zeigten, wird das Entstehen dieser Kunstformen mittlerweile in prähistorischer Zeit vermutet.

Ziemlich verquaster Nominalstil. Einfacher wäre klarer gewesen. Eine Alternative hätte so aussehen können:

Die jetzt ausgegrabene Figur eines entstellten und verunstalteten Menschen passt kunsthistorisch zu früheren Funden. Für Forscher lässt das nur einen Schluss zu: Diese Kunstform ist schon vor 7000 Jahren entstanden.

Tipp: Vermeiden sie Satzanfänge wie “Aufgrund…”, “Unter Berücksichtigung von…”, “Mithilfe…” (oder ähnlich Klingendes). Das ist Amtsdeutsch und führt geradewegs in den Nominalstil.

Bitte jetzt vollmüllen: Der Floskelmülleimer

22. März 2011


Ein typischer Nachrichten-Lese-Hör-Guck-Tagesablauf läuft bei mir in etwa so ab: Ich schlage morgens die Zeitung auf, und der Aufmachervorspann endet mit “…und die Kämpfe in Libyen werden immer blutiger.” Während der Autofahrt zur Arbeit dann die Hörfunk-Nachrichten, die erste Meldung startet mit: “Das hat gerade noch gefehlt: Immer mehr Menschen trauern um Eisbär Knut…”. In der Mittagspause per Smartphone auf der Mobilsite eines Automagazins: “Verkehrssicherheit: Es kracht immer weniger”. Zwischendurch dann am Bürorechner auf der Website einer Tageszeitung: “Immer mehr Erwachsene sind Gurtmuffel.” Und abends in den Fernsehnachrichten auch noch das: “Bundesaußenminister Guido Westerwelle beklagt, dass der Krisenstab des Auswärtigen Amtes wegen der großen Reiselust der Deutschen immer mehr Arbeit bekommt”.

Es ist echt die Pest. Liebe Redakteurinnen und Redakteure, liebe Praktikantinnen und Praktikanten, bitte denken Sie bei der nächsten Meldung daran: Nachrichtenaufhänger mit “immer” gehören absolut immer in die Tonne! Auf N-immerwiedersehen sozusagen. (Und ich gelobe: Ich will mich auch selbst daran halten!)

Meine Studierenden an der FH in Hannover wissen das schon lange, und ich hoffe, dass sie diese Weisheit irgendwann auch in die Redaktionen tragen. Ob die Immer-mehr-immer-öfter-immer-schlimmer-Pest dann endlich final therapiert sein wird, bleibt – (oh,oh) – abzuwarten. Möglicherweise stehen die Nachfolger des Immermehrismus und des Bleibtabzuwartenismus ja schon in den Startlöchern (uups!) und werden just in diesem Moment bereits auf die ersten Seiten gekloppt.

So oder so: Vermutlich bleibt noch ausreichend Zeit, um dem Immermehrismus-Rauschen in den Medien weiter zu lauschen – und sich nebenbei auch der vielen anderen wunderschönen Floskeln des journalistischen Sprachgebrauchs zu erfreuen.

Damit dieser Schatz nicht verloren geht, soll diese Seite als Sammelstelle für Floskelmüll dienen. Machen Sie einfach mit, laden Sie den Schutt hier ab und posten Sie die schönsten schlimmsten Fundstücke als Kommentar. Möglichst immer immer immer, bitte! ;-)

S. 1 v. 11



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