22. Juni 2011

Ist Twitter ein Gespräch? Oder ist es Text? Oder ist es – wie beim Chatten – beides? So ganz genau ist das wohl kaum zu entscheiden.
Fakt ist jedenfalls: Ein Tweet darf 140 Zeichen haben – mehr nicht. Und gerade das macht Twitter so spannend: Ob Nonsens, Nachrichten oder Neurotisches – wer seine Botschaft twittergerecht in die Zwitschergemeinde schicken und dort (erwünschte) Reaktionen auslösen will, muss seine Gedanken in wenigen Zeichen auf den Punkt bringen.
An Tricks und Kniffen fürs optimale Tweet-Texten mangelt es dabei im Web eigentlich nicht. Häufig kratzen sie allerdings eher an der Oberfläche und sind auf die technisch geprägten Rahmensetzungen bezogen. Tipps zum Tweeten sehen deshalb meist so aus:
• Du hast genau 140 Zeichen.
• Nutze die 140 Zeichen nicht voll aus. So bleibt Platz für den schnellen Retweet (RT = weitergeleiteter Tweet) Deiner Follower.
• Verwende #hashtags. Damit kannst Du Deinen Tweet thematisch feinjustieren und gezielt bestimmten Themenfeldern zuordnen.
• Nutze gekürzte URLs (short URLs). So sparst Du wertvolle Zeichen für die eigentliche Aussage.
• Retweete! So zeigst Du, was Dir wichtig ist und dass Du bereit bist, Deine Informationen zu teilen.
Das ist zwar gut zu wissen. Es sagt aber nichts über geeigneten Inhalt, über Themen oder Tonarten.
Wenn ich mir anschaue, an welchen Tweets ich im Twitterverse relativ häufiger hängenbleibe, dann sind es vor allem Twitterer mit unverwechselbarer Stimme.
Jede dieser Stimmen hat ihre eigene Klangfarbe. Das Spektrum reicht von anmaßend über informativ bis zickig – ganz wie im richtigen Leben. Fürs eigene Twittern gibt es also im Prinzip kakophonische Möglichkeiten.
Wer das Ganze systematisch betrachtet, kann bestimmte Grundmuster feststellen, und die lassen sich im Wesentlichen auf 3 Stimmtypen reduzieren. Die Schreibberaterin Kevi Leroux Miller formuliert das so:
I think this boils down to three basic choices (…). You want people to
DO Something. You are calling them to some kind of action.
THINK Something. You are sharing something helpful or educating them.
FEEL Something. You are building rapport by giving them content that makes them laugh, cry, smile, feel included, or whatever. Never discount the value of rapport. As Maya Angelou says, “I’ve learned that people will forget what you said, people will forget what you did, but people will never forget how you made them feel.”
TUN, DENKEN, FÜHLEN lassen – das also sind die grundtypischen Ziele, wenn getwittert wird. Soweit die Theorie.
In der Praxis sollen es inzwischen über 300 Millionen Twitternutzer sein (Mai 2011). In den vergangenen Wochen habe ich mir aus diesem Wörter-Wust einige Timelines herausgepickt und etwas genauer angesehen, um herauszufinden, welche Tricks und Kniffe erfolgreiche Twitterinnen und Twitterern einsetzen.
Folge 1: Sibylle Berg, Schriftstellerin, Spiegel-Online-Kolumnistin
Das erste Beispiel liefert die Timeline der Schriftstellerin und Spiegel-Online-Kolumnistin Sibylle Berg. Mit ihr startet diese kleine “Texten-fürs-Web”-Serie zur Tonalitäten-Typologie des Twitterns. Sollten Ihnen die nachfolgenden Sätze stilistisch irgendwie unrund erscheinen: Kein Absatz meiner Kurzprofile hat mehr als 140 Zeichen. Wie auf Twitter.
• Twitterprofil: @SibylleBerg
Die Statistik: Sibylle Berg erreicht mit ihren Tweets eine stetig wachsende Zahl an Followern. Stand im Juni 2011: über 15000 Follower. Zum Vergrößern bitte auf die Grafik klicken.
• Profilcharakter (in Klammern: die jeweilige Zeichenzahl):
Sibylle Berg gibt die Kratzbürste. Mindestens auf Twitter. Ihr Biotext: “Kaufe nix, ficke niemanden”. (102)
So, wie sie ihren gut 15.000 Followern zuzwitschert, nehm ich ihr das nicht ab. (79)
Sie befasst sich gern und ausgiebig mit dem Thema “Männer”. Ihr Männerbild zeichnet sie in klaren Linien.
(109)
Sie hat einen sicheren Blick für Abgründiges, Untergründiges, Hintergründiges. (79)
Ob sie sich vor dem Twittern den Kopf über die genaue Formulierung zerbricht? Hmm. (126)
So oder so: Ihre Timeline zeigt eine unverwechselbare Linie. (60)
Ihr Gezwitscher ist immer interessant, oft provokant. (53)
Sie spricht in allen Tonlagen, appelliert ans TUN, richtet sich ans DENKEN und treibt ihre Spielchen mit dem FÜHLEN. (116)
• Typische Sibylle-Berg-Tweets:
BEISPIEL 1

TUN: Sie wirft mit Linktipps um sich, kommentierend angerissen in Kürzestform. Die Cliffhanger-Spannung animiert zum Anklicken. (130)
TWEET: gekauft! http://5magazine.wordpress.com/2009/11/02/doggie-lover-doll-by-pet-smilling/
TIPP: Gute Linktipps machen Followern gute Laune. (50)
BEISPIEL 2

TUN: Sie fordert unumwunden dazu auf, etwas zu tun oder zu lassen. (66)
TWEET: alle folgen, mitmachen, weiterleiten @Avaaz http://t.co/JXL9XKA
TIPP: Appelle stellen jeden Follower vor die Frage: Lass ich’s oder mach ich’s? Und schon ist man mittendrin im Response-Pingpong. (132)
BEISPIEL 3

DENKEN: Ihre Gedanken poppen in ihrer Timeline auf wie Textschnipsel in einem MTV-Popup-Video. (91)
TWEET: irgendwann wird auch das scheisswort: UNAUFGEREGT in einem winkel der journalistenköpfe verenden. neben der leiche von: auf augenhöhe
TIPP: Persönliche Gedanken sind der Grundstoff fürs Kennenlernen. Aus dem Virtuellen schlüpft eine reale, mindestens real wirkende Person. (126)
BEISPIEL 4

FÜHLEN: Sie streut gelegentlich ein, was sie gerade tut und weist auch hin auf die Tageszeiten. Das erzeugt Bilder. Und Nähe. (125)
TWEET: gute nacht freunde http://twitpic.com/52u6ch
TIPP: Schaffen Sie Bilder, in denen Sie zu sehen sind. Das erzeugt ein Ich-bin-dabei-Gefühl. (Ähm, auch in diesem Fall.) (131)
BEISPIEL 5

FÜHLEN: Sie spricht ihre Follower direkt an. (45)
TWEET: ihr wollt ein lied. ihr kriegt ein lied http://www.youtube.com/watch?v=iQ3bxfcT2mI&feature=related
TIPP: Sagen Sie Ihrer Followergemeinde: Ich nehme Euch wahr. Oder wie hier: Hab da was für Euch. (94)
Weiterführende Links:
Infografik: Soziodemografie der Twittergemeinde
Der TfW-Praxistipp: Die optimalen Zeitfenster fürs Twittern
Zum Schmunzeln: Twitter und Facebook auf der Straße nachgespielt