7. November 2012
„Cross… – was?“ – wird heute zwar nicht mehr zurückgefragt, wenn von “crossmedialem Storytelling” oder “Crossmedia” die Rede ist. Schließlich gibt es den Terminus dann doch schon ein paar Jährchen. Wirklich eindeutig konturiert ist der Begriff aber bis heute nicht: In Barcamps wird crossmediales Storytelling neuerdings von manchem feinsäuberlich von transmedialem Storytelling getrennt, anderen gilt beides als synonym, wieder andere jonglieren flott mit filigranen Unterschieden zum hypermedialen Storytelling. Ja, was denn nun?
Sicher ist: Abseits aller Nomenklatur-Wirren existiert konzeptuell für Crossmedia ein unstrittiger Kern. Der sieht so aus: Hier gibt es Inhalte – in Form von Schrift, Foto, Grafik, Ton und als Bewegtbild. Dort gibt es unterschiedliche Ausspielkanäle – von Print und Website, über App und Newsletter, OnAir und Podcast, bis zu Twitter und Facebook.
Erzählen im Mashup-Medium
Die digitale Computertechnik erlaubt es inzwischen, zumindest prinzipiell, alle diese Inhalte beliebig miteinander zu verknüpfen und die Mischungen auf jeden einzelnen Ausspielkanal passgenau zuzuschneiden. Im Web-Jargon heißt das dann Inhalte „mashen“.
Grundsätzlich gibt es also unzählige Erzähl-Optionen. Um den Begriff „crossmediales Storytelling“ für die redaktionelle Praxis klarer zu fassen, erscheinen drei dieser Optionen wesentlich. Dazu die folgenden fiktiven Beispiele für eine crossmedial arbeitende Zeitungsredaktion:
1. Beispiel: Zum Thema „Van der Vaart kehrt zum HSV zurück“ gibt es einen aktuellen schriftlichen Bericht inklusive Video-Interview, publiziert auf einer Website-Seite. Ein Inhalt wird also innerhalb eines Ausspielkanals (Website) mit unterschiedlichen Medienmodi (Schrift und Bewegtbild) erzählt. Das ist dann multimediales Erzählen.
2. Beispiel: Zum Thema „Van der Vaart kehrt zum HSV zurück“ gibt es in der aktuellen Zeitungsausgabe ein verschriftliches Interview. Und auf einer Website-Seite gibt es das inhaltlich identische Interview als Video. Ein Inhalt wird hier in mehreren Ausspielkanälen in je unterschiedlichem Medienmodus wiederholt. Das ist dann Mehrfachverwertung.
3. Beispiel: Zum Thema „Van der Vaart kehrt zum HSV zurück“ gibt es eine fortgesetzte Berichterstattung über mehrere Ausspielkanäle. Das Szenario sieht so aus: Van der Vaart trifft am Hamburger Flughafen ein. Von dort gibt es vom VJ einen Live-Videostream, eingebunden in eine Vorberichtseite auf der Website. Parallel werden Tweets von van der Vaart-Fans als Twitter-Wall in diese Vorberichtseite eingebunden. Auf dieser „dreikomponentigen“ Webseite (Vorbericht plus Livevideo plus Twitterwall) wird hingewiesen auf zwei nachfolgende Berichterstattungen: auf eine Pressekonferenz am Mittag, die ebenfalls per Live-Videostream auf der Website verfolgt werden kann, und auf das große Exklusiv-Interview mit van der Vaart, das in der nächsten Print-Ausgabe erscheint. Das ist dann im engeren Sinne crossmediales Storytelling.
Crossmediales Storytelling ist also schlicht ein medienübergreifendes Erzählen. Mikro-Stories werden über die Medienklüfte hinweg zu Makro-Stories verknüpft. Handwerklich kommt es darauf an, für jeden bespielten Kontaktpunkt – inhaltlich und rezipientenorientiert – die jeweils angemessenen Medienmodi einzusetzen. Jede abgeschlossene Mikro-Story kann dabei für sich stehen, ist gleichzeitig aber auch immer Teil des Plots der umfassenderen Makro-Story.
Dramaturgisch muss eine crossmediale Makro-Story dabei weder zwingend linear (wie in Beispiel 3) noch zwingend nonlinear angelegt sein; sie ist ein frei strukturierbarer Textraum. Mit einer Ausnahme: Schlichtes Wiederverwerten ist kein crossmediales Storytelling.
Und worin liegt der Unterschied zum transmedialen Storytelling? Das bleibt eine schwierig zu beantwortende Frage. Ein klares Nebeneinander dieser Konzepte gibt es nicht, dafür reichlich Schnittmengen. Im Grunde kann transmediales Storytelling – im Sinne der Definition des Begriffsschöpfers Henry Jenkins – als Synonym verstanden werden. Gleichzeitig erscheint es aber durchaus auch als die nonlineare Variante des crossmedialen Storytellings, jedenfalls sofern das Transmedia Manifest, verfasst auf der Frankfurter Buchmesse 2011, als gültig unterstellt wird. Dort heißt es:
The experiencer no longer follows one dramatic thread but chooses among several intersecting storylines, which merge into a single story-universe.
So oder so: Journalistisches Erzählen wird im Mashup-Medium extrem flexibel, extrem variantenreich – und auf allen Ebenen deutlich komplexer, in den Formen, in der Planung, in den Produktionsabläufen, in der Technik. Die klassischen Darstellungsformen – von der Meldung bis zur Reportage – betten sich ein in ein Universum neuer Erzählmöglichkeiten, multimediales Erzählen wird für Crossmedia zur Grundbedingung. Die redaktionelle Planung sieht sich vor neuen Anforderungen und muss beispielsweise frühzeitig vermittlungskompetent festlegen, für welche Themen ein erhöhter Aufwand gerechtfertigt ist. Die Technik wiederum muss all das gedacht Mögliche ganz faktisch ermöglichen und verlangt nach passenden CMS. Und dann braucht es natürlich auch noch die Menschen, die all dies verstehen und zu leisten im Stande sind.
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