Essay: Online-Journalismus – jetzt überall

Das Web hat den Journalismus in einen tiefgreifenden Wandel gestürzt. Journalistische Medien entwickeln sich darin zu Verdichtungszonen und Knotenpunkten des öffentlichen Gesprächs. Für die journalistische Berufsrolle hat das einschneidende Folgen.

Als das Internet Mitte der neunziger Jahre des letzten Jahrhunderts durch die großen Service-Provider AOL, Compuserve und T-Online/BTX für jedermann zugänglich gemacht wurde, war kaum absehbar und noch weniger überschaubar, welche Wirkungen das neue Medium auf einzelne Branchen und auf das tägliche Leben überhaupt entfalten würde. Aus Sicht von Zeitungs- und Zeitschriftenverlagen wurde das Web bestenfalls als kostengünstiger Zweitverwertungskanal für bestehende Inhalte verstanden: Spiegel und Schweriner Volkszeitung starteten mit ihren Websites ins Unbekannte – und alle anderen rannten hinterher. Firmen erkannten in dem neuen Medium neue PR-, Distributions- und Marketingpotenziale. Und Lieschen Müller und Otto Normalnutzer fanden es einfach spannend, stundenlang durch die WWWeltgeschichte zu surfen oder sich in Chats und Foren die Zeit zu vertreiben.

Der Spiegel auf Compuserve im Jahr 1995

Der Spiegel auf Compuserve im Jahr 1995


Der Spiegel geht am 25.10.1994 online. Redakteur Uly Foerster verlangte Anfang 1996 in einem Konzept-Memo für die Website, dass sie immer aktuell sein müsse: „Ich bestehe auf wöchentlichen Updates. Mindestens!“ Der Screenshot zeigt Spiegel Online auf Compuserve im Jahr 1995.

Das Modem biepte bei 9600 Bit pro Sekunde sein Dingerängdäng, blinkte aufgeregt bei jedem neu eintröpfelnden Datenpaket, die ersten Videos ruckelten im Daumennagelformat über die Monitore, und Textseiten ertranken in grellem Hyperlink-Blau. Die weiblich-sanfte AOL-Stimme begrüßte User morgens mit einem freudigen „Sie haben Post!“, und Boris Becker wunderte sich, dass er drin war. Homepage-Ladezeiten von fünf oder zehn oder fünfzehn Minuten nervten kaum jemanden, wurden einfach mit dem Gang zur Kaffeemaschine überbrückt. Das Web war bunt, wild, kreativ, multiform. Selbst horrende Zugangskosten von gut und gerne zehn Mark pro Stunde waren den Nerds der ersten Stunde piepegal – Hauptsache, Du warst drin. Suchen und Finden waren der pure Spaß, gemischt mit einem Schuss Entdeckerlust, Google gab’s noch nicht, und den Link-Katalog von Yahoo konnten sich Holzmedien-Liebhaber noch komplett auf etwa fünfzig A4-Seiten ausdrucken. Lange ist’s her.

Heute ist das Web von damals verschwunden – und doch ist es geblieben. Das Web hat sich dramatisch gewandelt, es wandelt sich weiter, ist in alle Lebensbereiche vorgedrungen. Vom berauschenden Info-Trip-Erlebnis der frühen Jahre ist zwar wenig geblieben, und das Web ist konventioneller geworden, dafür aber auch schneller, facettenreicher, crossmedialer. Im Kern ist es heute ein Konsultationsmedium: Wer etwas wissen will, wer eine Frage hat, geht ins Web und holt sich die Antwort. Und zwar schnell. Per Google zum Beispiel. Oder per Freundeskreis auf Facebook, MySpace, StudiVZ, Wer-kennt-wen oder XING. Oder per Fingertipp auf die passende App im Smartphone. Das Web ist nicht nur im Alltag angekommen, es ist förmlich in den Alltag hineinexplodiert, hat sich etabliert, und die erste mit dem Web aufgewachsene Generation hat inzwischen nicht nur den Schulabschluss in der Tasche, sondern auch das applikationsgarnierte Smartphone oder gar das Tablet-Gerät mit mobilem Web-Zugang.

Wired_App-Titelseite
Die iPad-Ausgabe von Wired mit Titelseite im Querformat

Für diese erste Generation, die mit dem Internet groß geworden ist, stehen die lange etablierten Funktionen der tradierten Medien Print, Hörfunk und Fernsehen ganz grundsätzlich auf dem Prüfstand. Das Fernsehen und das Radio als Lieferanten echtzeitaktueller Nachrichten und als Unterhaltungsmedien, die Tageszeitung vor allem als Medium für vertiefende Einblicke ins Nachrichtengeschehen – diese Aufgaben werden heute auch vom Web erfüllt.

Wer die 14- bis 19-Jährigen heute nach ihrem Medienkonsum befragt, wird feststellen, dass sie das Internet zwar gerne nutzen, sich aber nur ausnahmsweise darin aktiv engagieren. Das Mitmach-Web ist eher eine Medien-Chimäre, so jedenfalls stellte es eine Studie des Hans-Bredow-Instituts in Hamburg im Herbst 2010 fest. Und wer die jungen Leute nach der Nutzung klassischer Medien befragt und ihnen gut zuhört, bekommt nicht selten Gegenfragen gestellt, etwa diese: „Warum soll ich die Nachrichten von gestern nochmal auf Papier lesen?“ Oder: „Warum soll ich meinen Tagesablauf auf die Sendezeiten von ARD, ZDF, RTL oder Sat1 einrichten?“ Auch wenn nicht sicher gesagt werden kann, dass diese Haltungen im Zeitverlauf stabil bleiben werden, ist eines wohl gewiss: Es ändert sich etwas in den Mediennutzungsgewohnheiten, die Print-Reichweite beispielsweise sinkt beständig. Wie weit diese Änderungen reichen, wird sich genauer erst dann zeigen, wenn die Generation der sogenannten Digital Natives ins Berufsleben einsteigt und vielleicht Familien gründet.

Sicher ist: Mit dem Aufkommen des Internets ist vieles denkbar geworden, was bislang als undenkbar galt. Zum Beispiel auch das Verschwinden der auf Papier gedruckten Nachrichten. Auf den Branchentreffen der ausgehenden neunziger Jahre wurde immer gern auf Wolfgang Riepl verwiesen, der im Jahr 1913 in einer Arbeit über das Nachrichtenwesen der Antike erkannt hatte, dass neue Medien die alten Medien nicht verdrängen, sondern ergänzen. Die jüngere Mediengeschichte schien ihm darin recht zu geben: Weder das Radio noch das Fernsehen hatten die Tages- und Wochenpresse ausgelöscht, allenfalls verschoben sich die Aufgaben der Printmedien, weg von der aktuellen Meldung hin zu mehr Hintergrundstoff.

Genauer betrachtet ist das Internet aber ein gänzlich neuer Typus von Medium, es passt nicht in die Reihe: Es ist kein neues Medium im althergebrachten Sinn, das der Medienpalette einfach einen neuen Modus hinzufügt, wie es beim Kino (vertontes Bewegtbild), beim Radio (Ton) oder beim Fernsehen (gesendetes, vertontes Bewegtbild) der Fall war. Es ist vielmehr eine neue technische Plattform, auf der alle bekannten Medien-Modi, von der Schrift über den O-Ton bis hin zum Bewegtbild, zugleich nebeneinander und in beliebigen Vernetzungen stattfinden. Es ist mit seinen unterschiedlichen Diensten ein Medium ganz eigener Art, es erweitert die Reihe der klassischen Medien nicht um einen weiteren, zusätzlichen Modus, sondern überdacht und grundiert die existierenden Medien in einem ganz eigenen technologischen Rahmen. Es ist das Jetzt-Hier-Alles-Medium.

Riepls Gesetz, so die Sorge vieler Verleger und vieler Leser, muss also nicht zwingend weiter gültig sein. Durchaus vorstellbar ist, dass die Zeitung auf Papier irgendwann ein Dasein als elitäres Nischenprodukt fristen muss. So besehen stehen die Zeitungsverlage heute insgesamt gleich vor einer ganzen Reihe neuer Herausforderungen. Die Frage nach tragfähigen Geschäftsmodellen ist für viele Medienanbieter dabei sicher die dringlichste, doch sie ist ebenso sicher nicht die einzige.

Journalismus im Mashup-Medium
Mit den Medienunternehmen steckt natürlich auch der professionelle Journalismus im Wandel. Das Web stürzt ihn in einen gewaltigen und auf Sicht andauernden Umbruch. Die Branche hat das Aufkommen des neuen Mediums längst noch nicht verarbeitet. So wird aus journalistischer Sicht beim Blick aufs Internet gern von der vierten Mediengattung gesprochen. Nach Print, Hörfunk und Fernsehen jetzt also Online. Doch ob die gängigen Kategorien und Denkschablonen wirklich passen, ist keineswegs gesagt. Sie könnten in die Irre leiten, denn das Web lässt sich kaum verstehen, wenn es einfach neben die anderen drei gestellt und als logische Fortsetzung der bisherigen Medienevolution interpretiert wird. Angebracht scheint eher, sich vor Augen zu führen, dass das Internet ein All-Medium ist, in dem sich sämtliche bislang bekannten Kommunikationstechnologien miteinander verbinden und gegenseitig durchdringen. Ob Brief oder Telefonat, ob Zeitung oder Zeitschrift, ob Radio oder TV-Sendung, ob Podiumsdiskussion oder Powerpoint-Präsentation, ob Katalog oder Lexikon, ob CD oder DVD, ob Stadtplan oder Straßenkarte – das Web saugt sie alle auf und verknüpft sie miteinander. Das ursprünglich Getrennte der analogen Welt wird digital miteinander verwoben und rekombiniert, im Internet-Sprech heißt das dann Mashup.

Dieser Sog ist sicher kein verlustfreier Vorgang: Ein Brief auf Papier ist ein Brief auf Papier. Und eine Zeitung auf Papier ist eben eine Zeitung auf Papier. Und dieses Buch wäre etwas anderes, würde es als E-Paper publiziert. Papier bedeutet Anfassen-Können, es bedeutet Übersicht durch begrenzten Textraum, es bedeutet Verbindlichkeit durch Gedruckt-Sein, es bedeutet Linearität mit Schlusspunkt. Ob diese Alleinstellungsmerkmale ausreichen, um die Zukunft der Papiermedien zu sichern, wird sich erweisen. Geschriebener Journalismus ist jedenfalls nicht zwingend für alle Zeit an Zellstoff aus Bäumen gebunden.

Torschluss für den Gatekeeper
Mit dem Internet wandelt sich der Journalismus als Profession nicht nur in seinen wirtschaftlichen Existenzbedingungen, sondern auch in seinem Innenleben. In der Vor-Internet-Zeit gab es beispielsweise klare Rollenverteilungen zwischen journalistischen Redaktionen und Publikum. Journalismus als gesellschaftliche Funktion stellte sich ein, weil in komplexen Gesellschaften eine Nachfrage nach Chronik, nach Übersicht und Einordnung des tagesaktuellen Geschehens entstand. Dafür brauchte man Menschen, Profis, die dafür Geld bekamen, zu recherchieren, zu filtern und dann zu publizieren. Und Leser, Hörer und Zuschauer, die für das Publizierte zahlten. Journalistinnen und Journalisten als Berufsgruppe wuchs in dieser Konstellation eine frag-würdige und vielfach hinterfragte Macht als kaum zu umgehende Filter-Instanz zu: Sie bestimmten in jedem Einzelfall darüber, was in den Blättern und auf den Sendern zum Thema gemacht werden konnte und gemacht wurde – und was nicht. Sie setzten die Agenda und waren die Schleusenwärter der veröffentlichten Information, die sogenannten Gatekeeper. Publizistische Teilhabe des Publikums erschöpfte sich in dieser Konstellation in Leserbriefen und Zuschaueranrufen.

Das Web hat diese Gatekeeper-Funktion des Journalismus inzwischen gründlich nivelliert. Das hierarchische Gefälle zwischen den Informierenden da oben und den Informierten da unten ist auf vielen Feldern zumindest deutlich flacher geworden, wenn nicht sogar unwiderruflich eingeebnet. Im Web begegnen sich Journalisten und Nutzer auf Augenhöhe: Jede publizierte Information, jede Meldung, jeder Bericht kann prinzipiell von jedermann überprüft, kommentiert, gegebenenfalls ergänzt oder korrigiert werden. Das in den Redaktionen individuell erworbene, in vielen professionellen Recherchen gewachsene Zugangswissen – lange Zeit die Basis jedes journalistischen Informationsvorsprungs – steht heute täglich unter massivem Kontrolldruck, nicht nur, aber insbesondere aus der Blogosphäre, dem Cyberspace der Blogger.

Allerdings wird dort, in der Blogosphäre, nicht nur kontrolliert, sondern durchaus auch ernsthaft eigenständig publiziert, meist in selbstbewusster Tonart, mancherorts – nach gängigen journalistischen Qualitätsstandards – in jeder Hinsicht professionell. Debattiert wird deshalb gern und zuweilen sehr kontrovers darüber, ob Blogger nun auch Journalisten seien oder nicht. Unzweifelhaft ist: Wenn engagierte Köpfe ihre Zeit investieren, Quellen prüfen, skeptisch sind, sich mit einem Aufwand ins Recherchieren verbeißen, der für Profi-Redaktionen unwirtschaftlich wäre, und schließlich auch noch sprachversiert berichten, dann entgrenzt sich das klassische Verständnis vom Journalismus als Profession. Journalismus sei deshalb heute besser zu begreifen als eine Aktivität, so sagt es beispielsweise Wolfgang Blau, Chef von Zeit Online: „Journalismus ist keine exklusive Profession mehr. Journalismus ist zu einer Aktivität geworden, die nur noch von einer Minderheit professionell ausgeübt wird. Ob ein Journalist professionell ist, bemisst sich nicht mehr daran, ob er mit seiner Arbeit Geld verdient, sondern allein daran, ob er professionelle Standards einhält.“
Legende ist jedenfalls längst, dass die Laien-Kollegen zuweilen durchaus erfolgreich dort weiterbohren, wo der Redaktionsschluss für etablierte Redaktionen keine weiteren Fragen mehr zuließ oder zulassen wollte.

Bloggerin Tavi Gevinson und Karl Lagerfeld
Bloggerin Tavi Gevinson wurde mit ihrem Blog The Style Rookie im Jahr 2010 zum weltweit gefeierten Star der Modeszene – im zarten Alter von 13 Jahren.

Um nicht missverstanden zu werden: Journalismus als gesellschaftliche Funktion ist in einer komplizierten und komplexen Welt notwendiger denn je. Journalismus ist allerdings heute nicht mehr allein an die auf wirtschaftlichen Profit zielenden Medienunternehmen gebunden. Er ist nicht identisch mit den organisierten Redaktionen in Medienhäusern, findet in flüchtigeren Organisationsstrukturen eben auch anderswo statt – und das zwingt den hauptberuflichen Journalismus, seine Rolle neu zu interpretieren.

Dazu gehört es, Journalismus als das zu verstehen, was er tatsächlich ist: die Gesamtheit einschlägiger Praktiken, die allesamt darauf zielen, regelmäßig, verlässlich, kritisch, in der Meinungsrichtung unabhängig und inhaltlich plausibel über öffentlich relevante Themen zu informieren. Und dazu gehört auch, ein sicher nicht unkritisches, gleichzeitig aber auch konstruktives Verhältnis zur Blogosphäre und zum Mitmach-Web aufzubauen. Heribert Prantl, Mitglied der Chefredaktion der Süddeutschen Zeitung, hat dazu in einem Artikel zur Zukunft des Journalismus 2010 etwas süffisant angemerkt: „Professioneller Journalismus erklärt verlässlich, was passiert – nach professionellen Kriterien. Wenn ein Möbelverkäufer oder ein Fitnesstrainer das aus irgendwelchen Gründen auch kann, dann – herzlichen Glückwunsch.“

Natürlich ist Skepsis angebracht. Doch die hauptberuflichen Profis sollten sich daran gewöhnen, dass es da draußen im Internet nicht nur ein Meer des Belanglosen gibt, sondern eben auch viele clevere Web-Nutzer, die gelegentlich auch mehr wissen als mancher Redakteur. Journalistische Fehlleistungen wie das Verwenden nicht überprüfter Quellen durch CBS-Anchorman Dan Rather oder die erfundenen Geschichten des New-York-Times-Reporters Jason Blair wären ohne den Einsatz engagierter Amateur-Rechercheure so schnell nicht aufgeflogen. Und nicht zuletzt avancieren die Stars dieser Szene im Einzelfall zur durchaus ernsthaften Konkurrenz für etablierte Medien. Die Huffington Post ist da nur ein Beispiel von vielen: Die Nachrichten-Website war gestartet als liberales Polit-Blog und erreichte Mitte 2010 laut Newsweek bereits über 24 Millionen Besucher pro Monat – und damit mehr als etwa die Website der Washington Post (s. Abb.). Gründerin Arianna Huffington verkaufte das Blog Anfang Februar 2011 für stattliche 315 Millionen US-Dollar an AOL.

Huffington Post
Die Mutter aller Web 2.0-Zeitungen: The Huffington Post

Die schleichende Erosion der traditionellen Gatekeeper-Rolle des Journalismus hat nicht nur das Verhältnis zu Lesern, Hörern und Zuschauern gewandelt, sondern auch das Verhältnis zu den Nachrichtenlieferanten in Firmen und Verbänden, in Parteien, Behörden und Non-Profit-Organisationen. In der Vor-Internet-Zeit fanden PR-Botschaften reichweitenwirksam vor allem dann statt, wenn sie es in die Programme der Hörfunk- und Fernsehsender schafften oder auf die Seiten auflagenstarker Zeitungen und Zeitschriften. Durch die vergleichsweise kostengünstigen Publikationsmöglichkeiten des Internets, durch rund um die Uhr publizierende Websites mit ihrer prinzipiell globalen Reichweite ist öffentliche Themenpräsenz heute jedoch mehr denn je auch abseits journalistischer Sendezeiten oder Druckseiten möglich. Pressemitteilungen beispielsweise können via Internet kostengünstig, echtzeitaktuell, massenwirksam und vor allem ganz ohne journalistischen Filter direkt an die Adressaten gerichtet werden. Auch im Binnenverhältnis zur Öffentlichkeitsarbeit verschieben sich also die Gewichte, PR-Strategen setzen im Internet heute deutlich akzentuiert auch auf jene Kanäle, die vorbei an den Filtern journalistischer Redaktionen direkt die Kunden adressieren – das Spektrum reicht dabei von SMS- oder E-Mailings über Website und Internet-Newsletter bis hin zu Online-Pressekonferenzen oder Corporate Blogs, Twitter und Facebook-Profilen im Web 2.0.

Der Gatekeeper im Internetzeitalter
All das bedeutet jedoch nicht, dass die journalistischen Aufgaben des Gewichtens, Ausleuchtens, des Kritisierens und Einordnens öffentlich relevanten Geschehens obsolet würden. Auch in der Internetzeit sind diese gesellschaftlichen Funktionen für eine demokratische Gesellschaft grundlegend, wahrscheinlich sind sie sogar wichtiger denn je. Das Filtern und Einordnen ist immer noch die Kernaufgabe, es findet aber nicht mehr in einer gedachten Oben-und-Unten-Hierarchie statt, sondern, wie bereits gesagt, tendenziell auf Augenhöhe mit dem Publikum.

Professionelle Medienpräsenzen sind deshalb heute eher zu begreifen als strukturierende, ordnende und taktgebende Instanzen in einer ansonsten eher hierarchisch nivellierten Medienlandschaft. Journalistische Medien sind in dieser Fläche die Verdichtungszonen und Knotenpunkte: Sie greifen die Themen informeller Gespräche in Chats und Messengern, in Artikel-Kommentaren und Foren, in Blogs und sozialen Netzen auf, ordnen sie ein, erweitern sie und stellen sie den teilnehmenden Publika in standardisierten, professionell angereicherten Formen als frische Kommunikationsimpulse wieder zur Verfügung, um die individuellen Kommunikationen neu zu befeuern und so kommunikative Kreisläufe oder Spiralen zu etablieren. Der gesamte Prozess hat also nicht mehr eine strenge Top-Down-Richtung. Und die Rolle des Gatekeepers wird darin zwar auch weiterhin von der ureigenen Selektionsaufgabe geprägt, deutlich prononcierter jedoch auch von der Moderation. Wenn Journalismus also partiell als Gespräch verstanden wird, dann ist das für viele Online-Redakteurinnen und -Redakteure längst Alltag.

Online-Journalismus – jetzt überall
Und was heißt das ganz praktisch fürs Texten fürs Web? Es heißt vor allem, dass das Web als Plattform die Nachfrage nach professionellen Schreib-Fertigkeiten intensiviert. Wer in den informellen und professionellen, an digitale Plattformen gebundenen Gesprächen präsent sein und sie mitprägen will, der sollte in Schrift und Bild webgerecht kommunizieren. Das gilt natürlich nicht nur für journalistische Redaktionen im Web, sondern letztlich für jedes Unternehmen und jede Organisation, für jeden Verein und für jeden Verband. Welche Wörter im Web wirken und welche nicht, wie sie wirken und wann sie versagen – das ist das Wissen, auf das es ankommt. Attraktive Texte anzubieten ist deshalb heute längst nicht mehr nur eine Aufgabe für Journalisten-Profis, sondern für alle, die darauf angewiesen sind, ihre Zielgruppen im Web professionell anzusprechen und zu informieren.

John Paul Titlow, Kolumnist von readwriteweb.com, einem der namhaftesten Internet-Tech-Blogs in den USA , hat es im Juli 2010 so skizziert: „Heute reicht es einfach nicht mehr aus, ein einladendes Schaufenster und tolle physische oder digitale Produkte zu haben. Angetrieben durch soziale Medien, mit denen sogar die Suchmaschinen kaum Schritt halten können, ist das Web heute ein Echtzeitmedium. Wie können gerade Kleinunternehmen darin konkurrenzfähig bleiben? Ein entscheidender Teil der Antwort auf diese Frage ist etwas, woran die meisten Unternehmen bislang keinen Gedanken verschwenden mussten: sich im Web als Verleger zu verstehen.” Professionelles Schreib-Handwerk wird heute deshalb überall im Web benötigt – nicht nur im Journalismus selbst. Wenn man so will, findet Online-Journalismus im Sinne des professionellen Texten-Könnens im Web heute überall statt.