Texten
fürs Web - Vorwort
Der
Hype ist vorbei. Viele journalistische Websites der ersten Stunde
sind 2001 sang- und klanglos von der Bildfläche verschwunden,
viele hoffnungsvolle Start-up-Unternehmen auch in Deutschland
gleich zu Hunderten in die Pleite gerutscht. Gründe für
die zahlreichen Insolvenzen gab es sicher viele, ein Mangel an
redaktioneller Qualität war wohl eher ausnahmsweise der ausschlaggebende
Punkt. Vielfach lag die Ursache eher in Gemengelagen aus unprofessionellem
Finanzmanagement, technologischer Kurzsichtigkeit, größenwahnsinnigen
Expansionsanstrengungen oder nicht zuletzt am unbegründeten
Angstsparen mancher Risikokapitalgeber.
Aber
wie dem auch sei: Die Pionierzeit im Internet ist am Beginn des
neuen Jahrtausends definitiv zu Ende gegangen. Trotzdem braucht
heute niemand den Kopf in den Sand zu stecken, der die rasante
Entwicklung mittendrin miterlebt und die vergangenen fünf,
sechs Jahre am Auf- und Ausbau des Internet zum Massenmedium mitgewirkt
hat. Auch wenn die Träume vom großen Geld für
die meisten geplatzt sind, bleibt unterm Strich doch vielfach
eine positive Bilanz.
Aus
Sicht des Einzelnen wird es sich in den meisten Fällen schon
allein deshalb gelohnt haben, weil sich viele bereits in jungen
Jahren in Positionen katapultieren und Erfahrungen sammeln konnten,
die zu machen, vorher nur nach jahrzehntelangen Großkonzern-Karrieren
möglich gewesen wäre. Und aufs Ganze gesehen, weil das
weltumspannende Computernetz nicht Übergangsphänomen
geblieben und wieder in der Senke verschwunden ist, sondern sich
seinen Platz im Kreis der etablierten Medien eindrucksvoll erobert
hat.
Der
zigfache Start-up-Crash im Jahr 2001 markiert deshalb nicht nur
das Ende eines Hypes, sondern gleichzeitig auch den Beginn einer
neuen Phase, in der das World Wide Web immer noch mit hohem Tempo,
aber trotzdem deutlich ausgeruhter und evolutionärer reifen
wird. Nicht anders als bei den Zeitungen oder Zeitschriften, im
Hörfunk oder beim Fernsehen wird also auch im Internet die
Entwicklung weiter gehen, die neue Mediengattung Website in ihren
unterschiedlichen Spielarten und Facetten weiter entwickelt, weiter
differenziert und weiter optimiert werden.
Und
was in der Makroperspektive für das Internet insgesamt anzunehmen
ist, gilt dabei auch für jeden Einzelfall: Die meisten Site-Betreiber
haben sich durch den Absturz der Branche nicht schocken lassen
und adaptieren ihre Web-Angebote zielgerichtet und zielgruppenorientiert
an die jeweils aktuellen Markterfordernisse. Um darin erfolgreich
zu sein, braucht es heute und in Zukunft in jedem Fall online-spezifisches
Fachwissen und zwar nicht nur hinsichtlich der technischen Fragen,
sondern gerade auch hinsichtlich der journalistischen Fragen,
also dort, wo es um die Inhalte und damit das Texten für
dieses Medium geht.
Das
vorliegende Buch bietet aus diesen Gründen keine allgemeine
Einführung ins journalistische Texten, es ist kein Rundumschlag
zum Thema »Internet-Journalismus« und auch kein Technik-Kompendium,
sondern ein Buch für die tägliche Arbeit professioneller
Texter und Redakteure in Web-Redaktionen und Unternehmenspressestellen.
Es
faßt in kompakter Form meine ganz persönliche Sicht
auf das Texten fürs Web zusammen und gründet sich dabei
auf die Erfahrungen der letzten knapp fünf Jahre, in denen
ich als Redakteur über Online-Themen geschrieben, Online-Redaktionen
geleitet, als Texttrainer etliche Hundert Web-Redakteurinnen und
-Redakteure geschult habe, zahlreiche Websites konzipieren oder
mitgestalten konnte und als Referent an Journalistenschulen und
-Akademien in ganz Deutschland im Einsatz war.
Es
ist also im umfassendsten Sinn ein Buch aus der Praxis für
die Praxis, konzentriert sich auf das journalistische Handwerk
fürs Web, wird unterfüttert durch zahlreiche Befunde
wissenschaftlicher Studien und zeigt an Dutzenden illustrierter
Beispiele,
-
wo die Grenzlinie zwischen dem Texten für Print und dem Texten
fürs Web verläuft,
- worin die Besonderheiten des Textens fürs Web bestehen,
- wie man Internet-Nutzer zum Lesen verführt,
- worauf beim Teaser-Texten für Startseiten unbedingt zu
achten ist,
- welche Leitlinien fürs Setzen und Redigieren von Hyperlinks
gelten,
- wie man internetgerechte Klickdramaturgien konstruiert,
- wie man Websites mit nutzerfreundlicher Navigation ausstattet,
- wie die multimedialen Möglichkeiten sinnvoll genutzt werden
können und
- wie man eine Website oder einen Relaunch professionell plant.
Darüber hinaus dokumentiert dieses Buch auch das journalistische
Vermächtnis der ersten Internet-Jahre, denn viele wertvolle
Medien-Sites haben die Frühphase nicht überlebt, obschon
ihre prototypischen Web-Textformen es verdient haben, erhalten
und zur Nachahmung empfohlen zu werden. Etliche der in diesem
Buch versammelten Illustrationen habe ich aus meinem mittlerweile
mehrere Tausend Screenshots umfassenden Archiv auch deshalb ausgewählt,
weil sie stilbildende Darstellungsmodelle zeigen, die selbst im
weltweit größten Web-Archiv (www.archive.org) nicht
mehr zu finden sind und damit Seltenheitswert besitzen.
In
diesem Sinne kommen hier also auch all jene auf ihre Kosten, die
sich brennend für die Evolution webtypischer Darstellungsformen
interessieren. Die gezeigten Beispiele decken dabei einen Zeitraum
ab, der von Anfang 1997 (als der Jury des Pulitzer-Preises von
der New York Times erstmals ein Online-Werk vorgelegt wurde) bis
hin zur Web-Berichterstattung über die Terroranschläge
auf das World Trade Center in New York vom 11. September 2001
reicht. Im Blick zurück wird dabei klar, dass viele der journalistisch
ambitionierten Sites der ersten Stunde zwar nicht mehr am Netz
sind, ihre Ideen und Formen-Experimente im Internet aber sehr
wohl überlebt haben.
Um
die Inhalte des Buches verstehen zu können, braucht man im
Übrigen keine besonderen Vorkenntnisse. Grundwissen über
journalistisches Nachrichtenschreiben, über die traditionellen
Darstellungsformen wie Meldung, Bericht, Feature, Interview und
Reportage und über die Technik des Internet ist jedoch mit
Sicherheit von Vorteil. Einsteigern sei deshalb der Blick in die
journalistische Praktikerliteratur ans Herz gelegt. Insbesondere
die Titel »Nachrichtenschreiben« von Siegfried Weischenberg,
»Einführung in den praktischen Journalismus«
von Walther von LaRoche und Michael Hallers Bücher »Reportage«,
»Interview« und »Recherchieren« sind zu
empfehlen. Über den Stand der Technik informiert man sich
am besten in einschlägigen Fachzeitschriften wie ct
oder Computerbild, Internet World oder Internet Professionell
oder gleich im WWW.
Stefan
Heijnk, Hamburg im Mai 2002